Lektüre als Anlass

Eine schicksalshafte Fügung hat mir vor zahllosen Monaten den antiquarischen Erhalt von Siegfried Kracauers „Über die Freundschaft“ (1971) eingebracht. Ein Werk, dessen Titel mich bereits zu schwelgerischen Kontemplationen einludt, und das schnell das Privileg erwarb, auf einem winterlichen Spaziergang in der Manteltasche mitgenommen zu werden. Indes, über das Vorwort hinaus schaffte ich es nicht. Zu sehr entweder die Wucht der Impressionen, oder gar die Distraktion anderer Anlässe. Eines jedoch blieb: der figurative Höchstwert des Buches – die Projektion einer bereichernden Lektüre; in anderen Worten: Ein Thema, über das es nachzudenken wert ist. Hiermit sei gesagt, dass das intuitiv-naive Selbstverständnis, zu wissen, was Freundschaft bedeute, mir allererst entrissen werden musste.
Gewiss weiß ich noch immer erst wenig davon, was Kracauer zu sagen hat, doch ob die etwaige Lektüre einstmals mehr in mir zu erwecken in der Lage sein wird, als sie es bis jetzt getan hat, ist trotz aller Euphorie ebenfalls fragwürdig. Ich möchte an dieser Stelle also das Wagnis eingehen, meine Gedanken über die Freundschaft vorzustellen, ohne überprüft zu haben, ob das eventuelle Schlüsselwerk ebendiese Gedanken obsolet zu machen, zu überholen fähig ist. Dieser Äußerung unter Vorbehalt jedoch enstammt erst der Reiz des Unterfangens, denn hier nicht von etwas Externem zu sprechen, sondern von demjenigen, was meine Welt im Innersten zusammenhält, nämlich von meinem gegenwärtigen Begriff der Freundschaft, kann keinesfalls weniger wichtig oder relevant sein, als Kracauers Gedanken – so wahr ich zum aktuellen Zeitpunkt auch nur einen einzigen Freund habe!
Φιλέταιρος: Der Freundelieb
Den Status Quo, den Anschlussstein des Denkens in unserem Kulturkreis finden wir in Klassischem, in Vollendetem. Dies‘ sind also Gedanken, die es eigentlich auszusprechen nicht lohnt, weil sie die implizite Voraussetzung unseres geistigen Lebens sind: Um im Sinne des Kategorischen Imperativs zu entscheiden, braucht ein Mitteleuropäer keine Kantlektüre; um Faust zu zitieren, bedarf es dem Deutschen keiner Goethestudien. Sofern es jedoch verlangt ist, sich ein klares Bild zu verschaffen, gibt es keine Alternative dazu, auch die unbestrittenen Voraussetzungen zu benennen, womöglich sogar zu hinterfragen.
In Platons Dialog Λύσις (Lysis) trifft Sokrates auf eine Gruppe spielender Jünglinge, unter anderen auch auf Lysis, den schönsten und edelsten unter ihnen, sowie Hippothales, der dem Philosophen seine Liebe zu dem Knaben Lysis nicht verschweigt. Anlässlich dieser Zuneigung fühlt sich Sokrates dazu veranlasst, mit den Anwesenden zu erörtern, was die Voraussetzungen der Freundschaft sind. Der Großteil dieses Dialogs nun besteht im Ausschluss diverser Vermutungen über den Quell der Freundschaft: die Redensarten, gleich und gleich geselle sich gerne sowie Gegensätze zögen sich an, seien als Hypothesen widerlegt. Auch zu lieben oder zu hassen, reiche nicht aus, um sich zurecht Freund zu nennen. Nicht zuletzt gelange eine Zweckbekanntschaft wie diejenige des Kranken zum Arzt an das Wesen der Freundschaft heran. Zu einem positiven Begriff kommt Sokrates jedoch bis zuletzt nur in Fragmenten. Es sei zwar nicht die einzige Bedingung, doch von Freunden ließe sich zumindest sagen, dass sie einander liebten.

Es ist nicht wirklich strittig, ob die sokratischen Einsichten gültig sind. Gewiss plagt sich die Attraktionsforschung in der Sozialpsychologie mit den genannten Sprichwörtern als Heuristiken zur Erklärung empirischer Vorlieben in der Partnerwahl, doch im grundsätzlichen Sinne des platonischen Dialogs können diese Pauschalisierungen nicht aufrecht erhalten werden. Nun, hilfreich dabei, Gewissheit über die eigene Lage zu gewinnen, ist die sokratische Standortbestimmung allerdings auch nicht. Ein Begriff des griechischen Originaltextes jedoch vermochte meine Aufmerksamkeit zu erregen: Der Freundelieb – philetairos. Schleiermachers Übersetzung mit diesem ungewohnten Wort schien bei den Herausgebern meiner Platon-Ausgabe gleichfalls Argwohn zu erregen, sodass sie diesen Neologismus mit der Alternativübersetzung „wünsche ich mir Freunde“ versehen haben.
Sokrates spricht die ergreifenden Worte: „Ich aber bin gegen alle diese Dinge ziemlich gleichgültig, dagegen aber auf den Besitz von Freunden ganz leidenschaftlich, und einen guten Freund zu haben, wäre mir lieber als die beste Wachtel oder der beste Hahn von der Welt; ja, beim Zeus, lieber als ein Pferd oder ein Hund; und ich glaube, beim Hunde, ich würde allem Golde des Dareios bei weitem den Besitz eines Freundes vorziehen, weit mehr noch als Dareios selbst; so sehr bin ich ein Freundelieb“. Mit diesem Selbstbekenntnis reicht Sokrates tiefer in meine Seele hinein, als durch seine logischen Kalküle über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Freundschaft. Sie ist mir kein neutrales Phänomen, das ich zu begreifen habe: Freundschaft ist mir ein existentielles Bedürfnis und meine Freunde bedeuten mir oft mehr, als ich mir selbst. Hier liegt der eigentliche Status Quo meiner Geisteshaltung: Ich bin ein Freundelieb.
Der tugendhafte Freund
Wenn es nun nicht im Mittelpunkt steht, wieso es möglich ist, Freunde zu haben, so bleibt die Frage danach nicht aus, was sie auszeichnet. Die ontologische Wasserscheide trennt hier wohl diejenigen Eigenschaften, die diese Geister, die ich meine Freunde nenne, bloß für mich haben, oder auch an sich. Ich muss jedoch sagen, dass im Begriff der Freundschaft bereits begründet zu sein scheint, dass ich für die Eigenschaften meiner Freunde, welche ich ihnen als wertvoll zuschreibe, oder sie an ihnen beobachte, einzutreten bereit bin. Das heißt, dass ich, insofern ich damit Einfluss auszuüben vermag, mit einem Appell an die Welt herantrete, dass, meine Freunde so wie ich zu beurteilen, keine Frage der Willkür ist. Im Gegenteil: Unsere Freundschaft kann nur das Resultat eines hervorragenden Charakters sein, an dem es keinen Zweifel geben sollte.
Gewiss lässt sich dieser pathetische Appell schnell entkräften, denn schon Sokrates wusste, dass im Geliebten sich der Liebende nur selbst lobe. Seine engsten Kreise in sanftem Licht darzustellen, bedeutet, sich als ihr Zentrum zu profilieren – ein großer Egoismus. Dieser nüchterne Blickwinkel hilft hier indessen nicht weiter. Es geht nicht um die Freundschaft als mäßiges und gerechtes Medium wahrheitsbeseelter Rechtschaffenheit, sondern um das wilde Sein, dem keine eigentliche Wahl gelassen wird: Freundschaft oder Untergang. Die Kardinaltugenden sind mir an dieser Stelle ein Beispiel für das Maß, mit dem die Freundschaft ihre Protagonisten misst. Ihr althergebrachter Kerngedanke erhellt uns dann, wenn wir ihn im Kontrast zum Begriff des Wertes denken. Während selbiger allgemein und abstrakt ist, ist die Tugend personell und konkret. Langfristig einen Wert zu verfolgen, heißt ihn auch kurzfristig vergessen zu können – der Tugendhafte fällt jedoch mit der Ausnahme, denn er muss sich von Moment zu Moment beweisen.

Das Leitmotiv dieser Ausführungen soll nicht sein, dass Freundschaft nur zwischen wesentlich guten Menschen geschlossen werden kann, oder dass sie sich vor einem moralischen Gericht rechtfertigen muss. Vielmehr gilt, dass jeder Freund mit einem Löwenherz verteidigt wird – die Tugenden, die zur Disposition stehen, mögen dabei individuell austauschbar und insbesondere auch fehlbar sein (wenngleich der Anspruch, mit dem sie vorgetragen werden, objektivierend ist), wie Kritikfähigkeit, Freundlichkeit oder Loyalität – doch notwendig ist, dass ein Freund diesen Maßstab enttäuschen kann. Enttäuschen können bedeutet zugleich: mit Stolz angesichts der charakterlichen Größe erfüllen können.
Dynamik und Statik der Freundschaft
Keine Freundschaft ist eine ständige Bewährungsprobe im Angesicht größter Tugenden. Oft ist das lebensweltliche Motiv zur Anhänglichkeit mehr nicht als ein Herdentrieb oder die Sozialisation durch verfügbare Mitmenschen. Dieser Umstand ist nach meinem Dafürhalten Ausdruck der strukturell zwitterhaften Tiefenschicht aller Freundschaft. Die Zuschreibung der Tugend ist tatsächlich nur die dynamische Komponente der Freundschaft. Sie mag daraus bestehen, dass jedes Wiedersehen eine Herausforderung ist, dem Freund zu genügen, doch eigentlich besteht selten Anlass zur Befürchtung, wegen eines Fehltritts das Gesicht zu verlieren oder die Freundschaft aufkündigen zu müssen.
Die zweite Facette der Freundschaft zehrt von ihrer Geschichtlichkeit, sie lebt von der Erinnerung und der Gewöhnung. Freunde prägen im Miteinander eine eigentümliche Atmosphäre aus, sie entwickeln einen vertrauten Gestus und Habitus, der sich ganz aus der Interaktion der beteiligten Charaktere, ihrer Gemeinsamkeiten und Widersprüche ergibt. Oft ist es ein heimisches Behagen, die Stimme des Freundes in der Wortwahl des Vertrauens mit den Themen vereinten Interesses wiederzuerkennen. An dieser Stelle ist die Freundschaft die Heimstatt des Selbstbildes, ein Spiegel der eigenen Gewissheiten. Erst das Urteil derer, die mein eigentliches Gesicht kennen, bestätigt mir, wer ich bin.
In diesem Sinne ist Freundschaft sinnbildlich in der Beziehung von Narziss und Echo wiederzufinden. Während die dynamische Komponente in Sorge um einen Makel im makellosen Gesicht – um ein Laster im tugendhaften Profil – zur ständigen Probe angehalten ist, ertönt als statisches Pendant im Hintergrund der Widerhall vergangenen Miteinanders.






