{"id":576,"date":"2015-08-08T18:59:42","date_gmt":"2015-08-08T16:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=576"},"modified":"2015-08-08T19:11:14","modified_gmt":"2015-08-08T17:11:14","slug":"heidelberger-psychologische-tagebuecher-2-perspektiven-einer-psychologie-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=576","title":{"rendered":"Heidelberger psychologische Tageb\u00fccher (2): Perspektiven einer Psychologie der Moral"},"content":{"rendered":"<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\">Tugendethik ist neben der deontischen und der konsequenzialistischen Ethik eine der drei klassischen Konzepte moralischer Rechtfertigung. Psychologisch ist die Frage zu stellen, welchen zielrelevanten Einfluss die Orientierung an Pflichten, Nutzen oder Tugenden besitzt. Hierbei ist hervorzuheben, dass sich die beiden Ebenen des moralischen Urteils und die moralische F\u00e4rbung des Urteilens selbst unterscheiden lassen. Im ersten Fall handelt es sich um eine explizite Kognition eines moralischen Inhalts und somit in erster Linie um einen Gegenstand der Ethik, im zweiten Fall jedoch um den Vollzug des Urteilens in Pr\u00e4gung durch explizite oder implizite moralische Einstellungen und somit einen Topos der Psychologie. Fraglich sind hier insbesondere drei Aspekte: Er\u00f6ffnet der Anteil der moralischen Rechtfertigung an der Handlung grunds\u00e4tzlich alternative Handlungsformen oder nur unterschiedliche Bewertungen der selben Handlungsformen? Ist der Einfluss der Moral vornehmlich kognitiv oder gleichfalls unmittelbar emotional oder motivational? Wie sehr korrespondiert die individuelle Handlungsrechtfertigung mit dem Anspruch der argumentativen moralischen Konsistenz?<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\">1. Nutzenorientierung und Gewinnmaximierung sind aus der betrieblichen Psychologie bekannte Konzepte, die einen terminologischen Anhaltspunkt geben. Der Begriff des Nutzens spielt eine tragende Rolle in der utilitaristischen Ethik. Personen, die utilitaristisch gepr\u00e4gt (sozialisiert, bewusst entschieden, veranlagt \u2013 diese Frage gilt es hier nicht zu stellen) sind, m\u00f6gen eine tats\u00e4chliche Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Nutzenorientierung vorweisen. Dies kann entweder lediglich bedeuten, dass sie eine blo\u00dfe Affinit\u00e4t vorweisen, aber die Alternativen klar sehen, oder dass ihnen die Option der Gewinnmaximierung grunds\u00e4tzlich zudem ferner liegt, sie sie also gar nicht erw\u00e4gen. Dies w\u00fcrde eine geminderte Flexibilit\u00e4t bei st\u00e4rker moralischer \u00dcberzeugung (oder Veranlagung) bedeuten, sofern handlungsrelevant grunds\u00e4tzlich nicht mehr als die Alternative von Nutzenorientierung und Gewinnmaximierung zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde. Wenn aber innerhalb der Nutzenorientierung die Verf\u00fcgbarkeit bestimmter Strategien erst durch ein bestimmte moralische Tragkraft der Einstellung des Akteurs verf\u00fcgbar wird, er\u00f6ffnet sich ein Horizont von diversen Alternativen. Allerdings l\u00e4sst sich hier schwer zwischen den alternativen Erkl\u00e4rungen differenzieren, ob die Optionen aus moralischer \u00dcberzeugung oder dank der Informationslage verf\u00fcgbar werden. Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich aber bereits logisch nicht ausschlie\u00dfen, dass die moralische Konfiguration der Wirklichkeitswahrnehmung einer Person einen fundamentalen Einfluss nicht nur auf die Valenz, sondern auch auf die Genese von Handlungsoptionen aus\u00fcbt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\">2. Die Argumentation zur Beantwortung der zweiten Frage hat einen analogen Ansatz. Ebenso wie die expliziten Handlungsoptionen durch die Einstellungen einer Person beeinflusst werden k\u00f6nnen, l\u00e4sst es sich f\u00fcr emotionales und motivationales Erleben denken. Um also hier keine blo\u00dfe Reproduktion des vorigen Arguments zu liefern, kann vielmehr auf das psychologisch divergierende Wesen der Begriffe Tugend, Pflicht und Nutzen eingegangen werden. Operiert der Begriff der Tugend doch bereits emphatisch mit klaren emotionalen Assoziationen, wie zwischen Gerechtigkeit und Gleichmut, spielt f\u00fcr ein Nutzenkalk\u00fcl weniger die emotionale Verfassung des Akteurs eine Rolle als ein rationales Ma\u00df f\u00fcr seine Operanden. So zeigt sich schnell, dass die ethischen Konzepte fundamental hinsichtlich ihrer Bezugnahme auf Emotionen variieren. Daraus folgt freilich noch nicht, dass der Tr\u00e4ger der moralischen Einstellung in seinem emotionalen Erleben beeinflusst wird. Hier besteht ein methodisches Problem der Differenzierung von Mikrokosmos und Makrokosmus hinsichtlich der Deskription von Emotionen, denn insofern als die moralischen Beschreibungen teilweise selbst auf emotionale Attribute rekurrieren, aber dadurch diese Emotionen im psychologischen Sinne noch nicht evozieren, besteht die Gefahr eines naturalistischen Fehlschlusses. Es bleibt also Angelegenheit der empirischen Psychologie, hier zu differenzieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\">3. \u00c4hnlich wie es sich f\u00fcr logisches Schlie\u00dfen zeigt, dass logisch g\u00fcltige Schl\u00fcsse nicht zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr g\u00fcltig gehalten werden, bisweilen sogar der irregul\u00e4re Schluss den Vorzug erh\u00e4lt, muss die moralische Dogmatik der Rechtfertigung sich nicht zwangsl\u00e4ufig im individuellen Entscheiden reflektieren. Hier er\u00f6ffnet sich die wichtige Differenzierung zwischen deskriptiver und normativer Ethik. Deskriptiv sind moralische Entscheidungen freilich unabh\u00e4ngig von der Akkuratesse ihrer normativen Rechtfertigung. Diese Abweichung zu konstatieren und zu evaluieren, ist die Aufgabe philosophischer Psychologie. So mag es sein, dass es deskriptive Trends gibt, welche Formen von Ethik konsequenter eingehalten werden \u2013 ein Argument daf\u00fcr, dass der Utilitarismus hierbei hervorsticht, ist seinem Diskurs immanent, insofern als der Utilitarismus eine generalisierende Tendenz vorweist, menschliches Verhalten als implizit vom Nutzenmotiv getrieben zu interpretieren. Gleicherma\u00dfen besteht hierbei eine deutliche N\u00e4he zur Makrosoziologie der Ideologie und der Kulturgeschichte. Moralische Rechtfertigungen haben in Abh\u00e4ngigkeit von politischen Entwicklungen unterschiedliche Bedingungen der Wahrscheinlichkeit ihrer erfolgreichen Anwendung erfahren. Dementsprechend scheint eine ganzheitliche Erforschung von z. B. religionsgeschichtichen Bedingungen von psychologischen Zielkonstellation in ihrer Vermittlung durch Moral lohnenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tugendethik ist neben der deontischen und der konsequenzialistischen Ethik eine der drei klassischen Konzepte moralischer Rechtfertigung. Psychologisch ist die Frage zu stellen, welchen zielrelevanten Einfluss die Orientierung an Pflichten, Nutzen oder Tugenden besitzt. Hierbei ist hervorzuheben, dass sich die beiden Ebenen des moralischen Urteils und die moralische F\u00e4rbung des Urteilens selbst unterscheiden lassen. Im ersten &hellip; <a href=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=576\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Heidelberger psychologische Tageb\u00fccher (2): Perspektiven einer Psychologie der Moral<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-576","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-psychologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=576"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":578,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/576\/revisions\/578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=576"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}