{"id":509,"date":"2015-05-24T20:45:58","date_gmt":"2015-05-24T18:45:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=509"},"modified":"2015-05-24T20:56:37","modified_gmt":"2015-05-24T18:56:37","slug":"aesthetische-kontemplationen-zu-pose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=509","title":{"rendered":"\u00c4sthetische Kontemplationen zur Pose"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Zwiegestalt der Pose<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u03c0\u03ac\u03bd\u03c4\u03b1 \u1fe5\u03b5\u1fd6, nichts verharrt, so\u00a0spricht die Erfahrung siegessicher\u00a0-blickt sie doch ins nackte Wirrsal des blo\u00df Tats\u00e4chlichen. Nichts Ewiges, kein Wunder birgt der Alltag, mag sich die Erfahrungswissenschaft auch skeptisch plagen: Was bleibt, ist die Str\u00f6mung des Flie\u00dfenden, der Luftzug der Hast.\u00a0Das Diktat der Vernunft gebietet, den Schein der Dauer als Zeitpunkt zu entzaubern. Wer ihm gehorcht, gewinnt den kalten Stolz der Gewissheit, nichts zu wissen, die n\u00e4rrische Schadenfreude, nie unrecht zu haben, und sein triumphales Selbst als\u00a0relatives Zentroid des frei rotierenden Kosmos. Allein, was verliert der Alleszermalmer und Bezwinger der Dauer, unser Zeitgenosse?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Gottfried Benns Gedicht &#8222;Menschen getroffen&#8220; (1955) m\u00f6chte ich beginnen,\u00a0woran der\u00a0Vernunftmensch verlustig gegangen ist, zu entbergen:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe Menschen getroffen, die,<br \/>\nwenn man sie nach ihrem Namen fragte,<br \/>\nsch\u00fcchtern \u2013 als ob sie gar nicht beanspruchen k\u00f6nnten,<br \/>\nauch noch eine Benennung zu haben\u00a0\u2212<br \/>\n\u201eFr\u00e4ulein Christian\u201c antworteten und dann:<br \/>\n\u201ewie der Vorname\u201c, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,<br \/>\nkein schwieriger Name wie \u201ePopiol\u201c oder \u201eBabendererde\u201c \u2212<br \/>\n\u201ewie der Vorname\u201c \u2013 bitte, belasten Sie Ihr<br \/>\n&#8211;\u00a0Erinnerungsverm\u00f6gen nicht!<br \/>\nIch habe Menschen getroffen, die<br \/>\nmit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube<br \/>\naufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,<br \/>\nam K\u00fcchenherde lernten,<br \/>\nhochkamen, \u00e4u\u00dferlich sch\u00f6n und ladylike wie Gr\u00e4finnen<br \/>\nund innerlich sanft und flei\u00dfig wie Nausikaa,<br \/>\ndie reine Stirn der Engel trugen.<\/p>\n<p>Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,<br \/>\nwoher das Sanfte und das Gute kommt,<br \/>\nwei\u00df es auch heute nicht und mu\u00df nun gehen.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_523\" aria-describedby=\"caption-attachment-523\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/1878_Frederick_Leighton_-_Nausicaa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-523\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/1878_Frederick_Leighton_-_Nausicaa-453x1024.jpg\" alt=\"Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle\" width=\"350\" height=\"792\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/1878_Frederick_Leighton_-_Nausicaa-453x1024.jpg 453w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/1878_Frederick_Leighton_-_Nausicaa-133x300.jpg 133w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/1878_Frederick_Leighton_-_Nausicaa.jpg 773w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-523\" class=\"wp-caption-text\">Frederic Leighton: Nausicaa (1878); Quelle<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist\u00a0Frederic Leightons Bild &#8222;Nausicaa&#8220; (1878), das diesem Gedicht ein Gesicht schenkt. Hier steht\u00a0in gotischer Tiefe die junge Nausikaa, das Ebenbild der keimenden Liebe, auf einer beinahe entr\u00fcckten Treppe. Es ist als w\u00e4re die junge Frau so leicht, dass sie levitierte, als schwebte sie \u00fcber dem schweren Stein und bed\u00fcrfte der S\u00e4ule, gegen die sie lehnt nicht, um sich abzust\u00fctzen, sondern um sich an ihr\u00a0zu vergewissern, dass sie den Kontakt zum Boden noch nicht verloren hat. Weiter noch ist es aber erst die lehnende Haltung ihres Leibes, die die Zaghaftigkeit\u00a0und\u00a0Vorsicht ihres Ausdrucks, aber auch den sehnenden Blick, den Nausikaa auf Odysseus wirft, schafft. Was der Pr\u00e4raffaelit Leighton malte, ist eine Pose, eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst gen\u00fcgt. Zugleich ist dieses\u00a0Bild jedoch nur m\u00f6glich als die Wiedergabe einer Wirklichkeit, die in ihm Ausdruck findet, weil sein Maler in der Welt nach ihr gesucht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sehen ist hier kein Zufall, kein flinkes Foto und kein Alltag. Nausikaas Anmut ist\u00a0von keinem Kontext, sie steigt nicht herab und h\u00e4lt nicht ein. Sie ist in dieser Pose nur in der Dauer des ausgestreckten Moments, nicht zum Zeitpunkt vor und nach einem anderen. Ist sie deswegen irreal? Mitnichten! Die Zwiegestalt der Pose ist die\u00a0Deckung vom leiblichen Ideal und der situativen Wirklichkeit. Es ist Fr\u00e4ulein Christian aus Gottfried Benns Gedicht, in deren Leben dieser Moment vorgekommen sein wird. Es kostet eine Person, um eine Situation zu gewinnen. Mit einer Situation ist indes kein\u00a0ewiglich Wandelndes, sondern ein trotzig Gegenw\u00e4rtiges bezeichnet. In anderen Worten: Situationen gibt es nicht an sich im angeblichen Molek\u00fclstrom der Empirie, sondern nur im bewussten Erlebnis. Zu glauben, dass nur erlebt wird, was\u00a0sich unmittelbar aus dem Atommodell ableiten l\u00e4sst, ist die Hybris des Vernunftmenschen. Ihre wesentliche Grenze findet sie im Moment der\u00a0dringlichen Gegenwart der Pose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Entdeckung der Langsamkeit<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht die Sonderbegabung John Franklins, dessen Augen und Ohren &#8222;jeden Eindruck eigent\u00fcmlich lang&#8220; festhalten, aus Stan Nadolnys Roman\u00a0n\u00f6tig, um dem Wesen der Pose im Strom der Tatsachen zu begegnen &#8211; nicht jedoch, weil etwas anderes vorausgesetzt ist, sondern weil das Ph\u00e4nomen in der Erfahrung gegeben sein muss. Es helfen vielleicht Achtsamkeit oder gar Interesse, doch die Gelegenheit l\u00e4sst sich nicht erzwingen. Die Langsamkeit ist unterdessen in einer anderen Hinsicht zu entdecken: Sie zeichnet die lebendige Pose wesentlich aus. Es ist der Bruch mit dem Alltag, das Innehalten, das die Anmut er\u00f6ffnet. Am Ende des Laufstegs vor dem R\u00fcckweg zu verlangsamen, einzuhalten und in einer Pose\u00a0einzukehren ist die Magie der Modenschau.\u00a0Die Ausdruckskraft des Models rekrutiert sich als Zentromer der Blicke im Klimax des Stillstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re es nicht die kulturindustrielle Kulisse, die Erwartung einer Dienstleistung\u00a0und der Unort des Laufstegs, der eine modische Expropriation einfordert, so lie\u00dfe sich von der Modenschau gewiss als mehr denn einer Reminiszenz authentischer Posen sprechen. Tats\u00e4chlich deutet sich hier allerdings der pejorative Gebrauch des Ausdrucks &#8218;Pose&#8216; an. Von der Pose zu sprechen, meint auch eine artifizielle Mittelbarkeit der Darstellung zu bezeichnen. So ist die Pose der Freundschaft eine falsche, weil erzwungene. Beide Verwendungsweisen rekurrieren allerdings auf dieselbe Bedeutung,\u00a0sodass eine klare Scheidung umso wichtiger wird. Ist die Pose eine Idee, die sich in ihrer leiblichen Gegenwart selbst gen\u00fcgt, so kann ihre Imitation instrumentalisiert werden. Diese Mimikry gilt es nicht mit der reinen Pose zu verwechseln. Die Pose der Freundschaft in diesem pejorativen Sinne beansprucht also nur, Freundschaft leiblich zu vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_538\" aria-describedby=\"caption-attachment-538\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jean-L\u00e9on_G\u00e9r\u00f4me_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_1861_-_011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-538\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jean-L\u00e9on_G\u00e9r\u00f4me_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_1861_-_011-1024x640.jpg\" alt=\"Jean-L\u00e9on G\u00e9r\u00f4me: \u201ePhryne vor dem Areopag\u201c (1861); Quelle\" width=\"474\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jean-L\u00e9on_G\u00e9r\u00f4me_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_1861_-_011-1024x640.jpg 1024w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jean-L\u00e9on_G\u00e9r\u00f4me_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_1861_-_011-300x188.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Jean-L\u00e9on_G\u00e9r\u00f4me_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_1861_-_011.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-538\" class=\"wp-caption-text\">Jean-L\u00e9on G\u00e9r\u00f4me: \u201ePhryne vor dem Areopag\u201c (1861); <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Phryne#\/media\/File:Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me,_Phryne_revealed_before_the_Areopagus_(1861)_-_01.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eigentliche Pose zu identifizieren, bedeutet sich nicht ihrem Schein hinzugeben, sondern die Haltung des Leibes einer \u00e4sthetischen Pr\u00fcfung zu unterziehen. Ob Jean-L\u00e9on G\u00e9r\u00f4mes &#8222;Phryne vor dem Areopag&#8220; (1861) wahrhaftig\u00a0in der\u00a0authentischen Pose der Scham entbl\u00f6\u00dft wird, sieht nur der, der fragt, was er sehenden Auges wahrnimmt. Hier hilft keine Psychologie der Scham, sondern vornehmlich die Gewahrwerdung des Anderen in der unmittelbaren Situation. Ist es Pose der Scham, in der Phryne verharrt, so wird sie\u00a0sich eindr\u00fccklich bew\u00e4hren, indem sich die Idee der Scham in Phrynes leiblicher Gegenwart selbst gen\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die eigent\u00fcmliche Sch\u00f6nheit der Frau<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Johannes der T\u00e4ufer als Lohn f\u00fcr den Tanz der Salome gek\u00f6pft wurde, mag ersch\u00fctternd sein, doch zugleich ist es Ausdruck der Gr\u00f6\u00dfe leiblicher Gewalt. Die Natur der Pose gr\u00fcndet in derjenigen des Leibes. Mag die\u00a0sakrale Sch\u00f6nheit ernsthafter Andacht im Gebet, beim Musizieren oder Denken asexuell sein, so sind einige Posen doch den beiden Geschlechtern vorbehalten. Th\u00e9odore Jouffroy findet in &#8222;Le cahier vert&#8220; (1842) die entsprechenden Worte:<\/p>\n<blockquote><p>Die Gesetze der gew\u00f6hnlichen Liebe lassen sich in der Naturliebe wahrnehmen. Jedes Geschlecht neigt hier dazu, den Sch\u00f6nheiten, die dem des anderen analog sind, den Vorzug zu geben. Die Frauen sind mehr verf\u00fchrt von dem, was energisch und stark ist, die M\u00e4nner von dem, was anmutig und heiter ist; das Erhabene wirkt mehr auf sie, das Sch\u00f6ne mehr auf uns. Es w\u00e4re auch m\u00f6glich, da\u00df die Frauen die Hunde lieben und die M\u00e4nner die Katzen.<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_530\" aria-describedby=\"caption-attachment-530\" style=\"width: 900px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Salome_Jean_Benner_c1899.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-530 size-full\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Salome_Jean_Benner_c1899.jpg\" alt=\"Jean Benner  (1899): Salom\u00e9; Quelle\" width=\"900\" height=\"1325\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Salome_Jean_Benner_c1899.jpg 900w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Salome_Jean_Benner_c1899-204x300.jpg 204w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Salome_Jean_Benner_c1899-696x1024.jpg 696w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-530\" class=\"wp-caption-text\">Jean Benner (1899): Salom\u00e9; <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Salome_Jean_Benner_c1899.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtig ist nun aber, dass auch hier die Pose nicht zum Instrument wird und dass &#8222;das Vergn\u00fcgen, ihre Sch\u00f6nheit zu zeigen, [&#8230;] besonders den Frauen angeboren [ist], deren Gestalt sch\u00f6ner ist als ihr Gesicht&#8220;, wie Joseph Joubert in seinen Tageb\u00fcchern (1774-1823) konstatiert, und somit keine Tugend ist. Die authentische Pose ist immer in ihrer Unmittelbarkeit ersch\u00f6pfend motiviert, sie bedarf keiner psychologischen, kulturellen oder symbolischen Zutat. Dieser Zwecklosigkeit der Pose ist, wie Adorno in &#8222;Das Schema der Massenkultur&#8220; (1942) feststellt, das erste Opfer jeder Kulturindustrie und muss dem kitischigen Zauber, der den Zuschauer illusionslos anspringt, weichen:<\/p>\n<blockquote><p>Die Allgegenwart der Technologie pr\u00e4gt sich den Gegenst\u00e4nden auf und tabuiert das Geschichtliche, die Spur vergangenen Leidens an Menschen und Dingen, als Kitsch. Prototypisch ist die Schauspielerin, die noch in den schrecklichsten Gefahren, im tropischen Taifun und in der Gewalt des M\u00e4dchenh\u00e4ndlers, frisch gebadet, sorgf\u00e4ltig geschminkt und makellos frisiert einherschreitet. Sie wird so scharf, genau und unerbittlich photographiert, da\u00df der Zauber, den ihr make-up aus\u00fcben soll, durch die Illusionslosigkeit sich erh\u00f6ht, mit dem er als buchst\u00e4blich wahrer und un\u00fcbertriebener den Zuschauer anspringt. Massenkultur ist ungeschminkte Schminke. Mehr als mit allem anderen assimiliert sie sich dem Reich der Zwecke durch den n\u00fcchternen Blick. Die neue Sachlichkeit, die sie \u00e4fft, ist in der Architektur entwickelt worden. Sie hat in deren Zweckbereich das \u00e4sthetische Recht des Zweckm\u00e4\u00dfigen gegen die Barbarei vertreten, die der Schein des Zwecklosen dort mit sich bringt. Sie hat Standardisierung und Massenproduktion zur Sache der Kunst gemacht, wo deren Gegenteil zum Hohn wird aufs Formgesetz, das von drau\u00dfen stammt. Um so sch\u00f6ner ist das Praktische, je mehr es auf den Schein von Sch\u00f6nheit verzichtet. Sobald aber Sachlichkeit von den Zwecken losgerissen wird, entartet sie zu eben jenem Ornament, das sie zu Beginn als Verbrechen denunziert hat.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in der &#8222;\u00c4sthetischen Theorie&#8220; (1970) weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Das sch\u00f6nste M\u00e4dchengesicht wird h\u00e4\u00dflich durch penetrante \u00c4hnlichkeit mit dem Filmstar, nach dem es am Ende wirklich pr\u00e4fabriziert ist: noch wo die Erfahrung eines Nat\u00fcrlichen als eines ungeschm\u00e4lert Individuierten sich gibt, wie wenn sie vor der Verwaltung gesch\u00fctzt w\u00e4re, betr\u00fcgt sie tendenziell. Das Natursch\u00f6ne geht im Zeitalter seines totalen Vermitteltseins in seine Fratze \u00fcber; nicht zuletzt bewegt die Ehrfurcht dazu, vor seiner Betrachtung solange Askese zu \u00fcben, wie es mit den Abdr\u00fccken der Ware \u00fcberzogen ist.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Spiegel\u00a0&#8211; insbesondere demjenigen des Zeitgeists\u00a0&#8211;\u00a0zu posieren, verdirbt jede Pose. Es ist erst das Erlebnis der Situation, das die in ihr verpflichtete Person in einem reinen Akt zur Ruhe der Pose kommen l\u00e4sst, und einen dauerhaften Moment einfordert. Wer diese Wahrnehmung nicht zul\u00e4sst, lebt im nie versiegenden Strom des physikalischen Zeitstrahls &#8222;gleich dem Tor, der Tag f\u00fcr Tag an des Flusses Ufer wartet, bis die Wasser abgeflossen, die doch ewig flie\u00dfen&#8220; (Wolf Biermann).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zwiegestalt der Pose \u03c0\u03ac\u03bd\u03c4\u03b1 \u1fe5\u03b5\u1fd6, nichts verharrt, so\u00a0spricht die Erfahrung siegessicher\u00a0-blickt sie doch ins nackte Wirrsal des blo\u00df Tats\u00e4chlichen. 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