{"id":508,"date":"2015-05-31T18:37:10","date_gmt":"2015-05-31T16:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=508"},"modified":"2015-08-08T19:02:21","modified_gmt":"2015-08-08T17:02:21","slug":"heidelberger-psychologische-tagebuecher-1-weswegen-unbewusstes-denken-nicht-klug-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=508","title":{"rendered":"Heidelberger psychologische Tageb\u00fccher (1): Weswegen unbewusstes Denken nicht klug ist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Probleme als Situationen<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu schnell l\u00e4sst sich in Termini der kognitiven Psychologie fragen, ob die L\u00f6sung von Problemen auch unbewusst erreicht werden kann. Menschliches Handeln auf diese Weise zu beschreiben, hat zahlreiche Voraussetzungen. Zun\u00e4chst gilt es, probleml\u00f6sendes Verhalten als Leistungsvariable zu begreifen, die sich als messbarer Erfolg quantifizieren l\u00e4sst. Das Material eines Problem wird gleichsam als Determinante des Problems selbst inauguriert. Spannt sich auf diese Weise ein Problemraum m\u00f6glicher Konstellationen, die durch elementare naturalistisch objektivierte Operationen miteinander verbunden sind, auf, er\u00f6ffnet sich ein weiter empiristischer Interpretationshorizont: Intelligent mag sein, wer den Zielzustand erreicht, wer ihn schnell erreicht, wer ihn effizient erreicht oder wer ihn auf vielf\u00e4ltigen Wegen erreicht. Dieser Architektur psychologischer Forschung ist das Postulat zu verdanken, dass Intelligenz der Entscheidung als latente Determinante vorausgeht. K\u00f6nigsmacher der Intelligenz ist dabei die Analyse statistischer Varianz in der differentiellen Psychologie. Der Unterschied in der Performanz an dem im \u00dcbrigen standardisierten Szenario rechtfertigt, von einer internalen Ursache der Verhaltensunterschiede zu sprechen. Diese Annahme ist nicht nur vern\u00fcnftig, sondern auch ph\u00e4nomenal gerechtfertigt. Den Fehlenden belehrt post hoc, dass es eine richtige Antwort gab. Einsichtig in das Wesen der Intelligenz, wer den Unterschied zwischen richtig und falsch anerkennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor davon zu reden ist, dass unbewusstes Denken Probleme l\u00f6st, \u2013 und das ist schnell vergessen \u2013 ist also ein Leistungsbegriff zu fixieren und ein Intelligenzbegriff zu kodifizieren. In anderen Worten: Es ist nicht die Intuition (ein Begriff, der urspr\u00fcnglich Anschauung bedeutet) des Problems, die unbewusst sein kann. Vielmehr muss in expliziter Klarheit gegeben sein, woran sich die unbewusste L\u00f6sung zu messen hat, denn es gibt keine unbemerkten Probleme und somit f\u00fcr sie keine L\u00f6sungen. Die Behauptung unbewusster L\u00f6sungen setzt letztlich also klare, einfache Probleme voraus. Nun ist aber das Verh\u00e4ltnis vom Problem zu seiner L\u00f6sung nicht dasjenige zweier autonomer und exklusiver Teile. Hier geht es nicht darum, dass im Prozess des L\u00f6sens sich die L\u00f6sung ver\u00e4ndert, sondern nur eine begrenzte Klasse von Situationen die oben skizzierte Fixierung und Kodifizierung zul\u00e4sst. Diese Situationen sind erstens nicht notwendiger Weise problematisch, zweitens aber sind sie ein h\u00f6chst artifizieller Teil der Welt, der zur Summe aller Probleme im Verh\u00e4ltnis des Intelligenztests zur Lebenswelt steht. Dass nicht jede Situation problematisch ist, ist der Gegenstand einer anderen ausf\u00fchrlichen Abhandlung. Hier sei nur so viel gesagt, dass der Horizont einer Situation, d. i. die Richtung einer Stellung nehmenden Person auf die Welt, z. B. durch die L\u00f6sbarkeit und den Problemdruck dieser Situation multimodal gestaltet wird, d. h. nicht notwendiger Weise zum Problem, sondern durchaus auch zur Herausforderung, zur Gelegenheit oder zum Verh\u00e4ngnis wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Normierung von Situationen<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den zweiten Punkt ist hier genauer einzugehen. Ein Intelligenztest umspannt wesentlich Material, das Situationen mit hoher L\u00f6sbarkeitserwartung erzeugt, weil normierte L\u00f6sungen f\u00fcr die Aufgaben als Ma\u00dfstab der Leistung der Probanden angewandt werden. Es ist damit freilich nicht notwendig, dass eine Person die L\u00f6sung findet, im Gegenteil ergibt sich hieraus die diagnostische Relevanz des Tests. Weiter ist aber auch nicht existenziell notwendig, dass eine Person der Situation des Intelligenztests L\u00f6sbarkeit zuschreibt. Es mag eine soziale Norm bestehen, dass diese Tests als l\u00f6sbar begriffen werden, und sogar in der Interpretation der Testresultat die Gestalt der Situation (also als Richtung einer Person auf die Welt) als l\u00f6sbar postulieren, aber hieraus ergibt sich nicht, dass die einzelne Person die L\u00f6sung der Aufgabe erwartet. Das mag nicht zuletzt auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass der Begriff der Aufgabe eine reduktive Abstraktion von der einzelnen Situation unter der Voraussetzung der Generalisierbarkeit nach dem Muster struktureller Vergleichbarkeit bedeutet, obwohl jede Situation in der individuellen Konfrontation letztlich durch einen eigenen, nur im aposteriorischen Erwartungswert vergleichbaren Horizont gestaltet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es l\u00e4sst sich res\u00fcmieren: Unbewusstes Denken als L\u00f6sung f\u00fcr Probleme f\u00fcr m\u00f6glich zu halten, setzt voraus, dass Personen sich in strukturell typischer Weise analogen und in ihrer L\u00f6sung normierten Situationen erwartungsgem\u00e4\u00df verhalten \u2013 also insbesondere die Situation wegen ihrer normierten L\u00f6sung f\u00fcr l\u00f6sbar halten. Dieser Erwartung gem\u00e4\u00df handeln Menschen gew\u00f6hnlich in Intelligenztests. Der Begriff der Intelligenz abstrahiert von diesen Konstellationen eine F\u00e4higkeit, von der angenommen wird, dass sie auch f\u00fcr weitere Situationen relevant ist. Die empirische Forschung zeigt, dass die Leistungen in Intelligenztests signifikante Vorhersagen f\u00fcr andere Kontexte, wie Schulleistungen, Berufserfolg und diverse weitere Variablen erlauben. Dass die Quantifizierung dieser Variablen jedoch gleichfalls eine Fixierung und Normierung voraussetzt, bedeutet, dass es eine genuine Form der Situation gibt, die davon nicht ber\u00fccksichtigt ist. Diese Situationen sind im Anschluss an das oben Gesagte vor allem unklare, komplexe Situationen (und damit Probleme): unklar, weil keine L\u00f6sungsnormierung vorliegt; komplex, weil keine L\u00f6sungsnormierung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Intelligenz und Klugheit<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_546\" aria-describedby=\"caption-attachment-546\" style=\"width: 146px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Prudentia.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-546\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Prudentia.png\" alt=\"Die Kardinaltugend der Klugheit\" width=\"146\" height=\"284\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-546\" class=\"wp-caption-text\">Die Kardinaltugend der Klugheit<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pointe dieser \u00dcberlegung ist, dass die Vorhersagen von Intelligenztest auf Leistungen der Lebenswelt nicht perfekt ist. Die Varianzaufkl\u00e4rung liegt in den optimalen F\u00e4llen bei ca. einem Drittel \u2013 und das auch nur unter der Voraussetzung der quantitativen Normierung des Zielverhaltens. Der Grund hierf\u00fcr ist, dass die \u00c4hnlichkeit der Situationen der Lebenswelt mit normierten Aufgaben eine ph\u00e4nomenale Beschr\u00e4nkung erf\u00e4hrt. Es ist keine Messungenauigkeit oder mangelnde Reliabilit\u00e4t der Testung, die eine h\u00f6here Korrelation verhindert. Das psychologische Konstrukt der Intelligenz ist eine F\u00e4higkeit, die eine hervorragende Vorhersage f\u00fcr klare, einfache Situationen erlaubt. Aggregatsdaten wie der Schulerfolg sind aus diesen Situationen, aber auch aus Situationen, in denen Intelligenz das Handeln nicht hinreichend bestimmt und das Konstrukt der Intelligenz dieses Handeln nicht hinreichend vorhersagt. Was hier auf den Plan gerufen wird ist die Klugheit, engl. prudence, lat. prudentia, grch. \u03c6\u03c1\u03cc\u03bd\u03b7\u03c3\u03b9\u03c2. W\u00e4hrend die zeitgen\u00f6ssische quantitativ dominierte Empirie hier im Sinne Karl Poppers \u201eLogik der Forschung\u201c (1934) eine Grenze zwischen der falsifizierbaren Theorie der Intelligenz und der metaphysischen Klugheit behauptet, m\u00f6chte ich von dem obigen ph\u00e4nomenologischen Modell multimodaler Situationen ausgehend im Gegenteil behaupten, dass Klugheit aus unklaren Situationen vollkommen analog zu den klaren Situationen der Intelligenz hervorgeht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_545\" aria-describedby=\"caption-attachment-545\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Gehlenfoto3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-545\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Gehlenfoto3.png\" alt=\"Arnold Gehlen; Quelle\" width=\"220\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Gehlenfoto3.png 220w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Gehlenfoto3-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-545\" class=\"wp-caption-text\">Arnold Gehlen; <a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/7\/77\/Gehlenfoto3.png\/220px-Gehlenfoto3.png\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch scheint der Begriff der Klugheit methodologisch in die N\u00e4he der sog. Probleml\u00f6sekompetenz zu r\u00fccken, doch tats\u00e4chlich soll es sich dabei um etwas halten, dass im strikten Sinne nicht quantifizierbar ist, weil es nur in nicht normierten Situationen vorkommt. Dennoch ist die Klugheit im Sinne Poppers nicht metaphysisch, d. h. nicht falsifizierbar. Vielmehr l\u00e4sst sich der Klugheit nicht abstrahierend begegnen, sodass sich die M\u00f6glichkeit verstellt, sie intersubjektiv zu normieren. Die Klugheit ist stattdessen im einzelnen Erlebnis begr\u00fcndet und demnach nicht blo\u00df in der L\u00f6sung, sondern in der Situation \u2013 gleichsam auch im Problem \u2013 des Akteurs. Vor dem potenziellen Horizont einer logisch unendlichen Mannigfaltigkeit an Perzeptionen, Kognitionen und Operationen ist Klugheit in der Entscheidung zur Situation, nicht wie bei der Intelligenz lediglich in der Wahl der Operation begr\u00fcndet. Unbewusstes Denken, das eben im hier vertretenen Sinne Arnold Gehlens (Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1940, S. 9), dass \u201ees [&#8230;] ein lebendiges Wesen [gibt], zu dessen wichtigsten Eigenschaften es geh\u00f6rt, zu sich selbst Stellung nehmen zu m\u00fcssen, wozu eben ein \u201aBild\u2018, eine Deu\u00adtungsformel notwendig ist\u201c, keine Situation gestaltet, mag also intelligent sein, aber nie klug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Probleme als Situationen Zu schnell l\u00e4sst sich in Termini der kognitiven Psychologie fragen, ob die L\u00f6sung von Problemen auch unbewusst erreicht werden kann. Menschliches Handeln auf diese Weise zu beschreiben, hat zahlreiche Voraussetzungen. Zun\u00e4chst gilt es, probleml\u00f6sendes Verhalten als Leistungsvariable zu begreifen, die sich als messbarer Erfolg quantifizieren l\u00e4sst. 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