{"id":434,"date":"2015-03-22T21:22:27","date_gmt":"2015-03-22T19:22:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=434"},"modified":"2015-03-25T20:38:27","modified_gmt":"2015-03-25T18:38:27","slug":"satyr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=434","title":{"rendered":"Satyr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Tr\u00e4ge\u00a0Zeit des M\u00fc\u00dfiggangs, eine sorgsame Mutter oder einen Platz braucht es, um einen J\u00e4ger zu knechten. Es ist ein leiblicher Fall vom J\u00e4ger zum B\u00fcrger. Stolz einst das von seinen Sehnen in die Gerade gezwungene Bein des Wilden, des Treibenden und des Rastlosen; verlustig nun seiner Macht. H\u00e4ngen, nicht Stehen, ist die Gegenwart des\u00a0Knechts, der nur wei\u00df\u00a0und meint. Es kommt ihm gelegen, dass zur\u00fcck zu sehen herab zu schauen\u00a0erlaubt &#8211; waren sie nicht klein und fl\u00fcchtig tot? Frei von der Last seiner selbst steht er, der Zeitgenosse, hier, irgendwo anonym und traurig frei im B\u00fcro: also im B\u00fcro eines anderen, seines Vorgesetzten, nie seines eigenen. W\u00e4re er gefragt, und er fragt sich selbst mitnichten, so bliebe ihm nichts anderes, als zu meinen, er missbillige das Warten, doch gewiss ist nur, dass er wartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geistlose R\u00e4ume haben keine schmucklosen W\u00e4nde. Sie sind seine, des Manns, der nie J\u00e4ger sein durfte,\u00a0trostlose Rettung, denn w\u00fcrde er nicht warten wollen, so muss er doch ruhen: und er lehnt sein tr\u00e4ges Selbst gegen ein Bild, das hier h\u00e4ngt, ohne dass es ausgew\u00e4hlt worden ist. Er blickt auf eine Landschaft, ein Panorama des Sichtbaren, Kontur und Objekt. Nichts gibt es hier zu finden,\u00a0keine Beute und kein Licht. Es ist, als sei dieses zierende, nicht sch\u00f6ne Bild im B\u00fcro seines Vorgesetzten der Platz, der\u00a0f\u00fcr ein Wartezimmer nicht gewesen ist. Den Mut, sich zu \u00e4rgern, bringt er\u00a0nicht auf, mag sich die eigene H\u00fcfte noch so sehr nach der Einladung, Platz zu nehmen sehnen.\u00a0Ein Krampf\u00a0bleibt zwischen der Emotion, die gewesen w\u00e4re, wenn der J\u00e4ger die Tiefe der Landschaft gesehen h\u00e4tte, und der Tapete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Behagen des B\u00fcrgers Unbehagen zu nennen, ist falsch. Es ist die Kniekehle, die er nicht gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re er J\u00e4ger geblieben, die seine H\u00fcfte, seine Wirbels\u00e4ule ins Schwanken st\u00f6\u00dft. Was f\u00fcr ein j\u00e4mmerlicher gerechter Ort, die Kniekehle des Stehenden! In ihrem b\u00fcrgerlichen Anstand weist sie ihn best\u00e4ndig\u00a0dr\u00e4ngender darauf hin, dass er zum Platz Nehmen verkommen ist. Er ist kranke\u00a0Beute &#8211; ein Tier\u00a0h\u00e4tte ihn bisweilen verschont, der Sorge um schlechtes Fleisch wegen. Der erb\u00e4rmliche Tanz beginnt, von einem Bein auf das andere. Das Bild will ihm langweilig werden: Ausrede zwar, doch keine Linderung f\u00fcr diesen \u00d6dipus.\u00a0Er wendet sich und greift nach Halt, der Uhr, dem Termin. Seine Sys- und Diastole verstreicht, dazwischen der Moment, doch was \u00d6dipus erst begreift ist das springende Uhrwerk. Ein Winkel rechtfertigt sein Leid, sein Behagen. Die Sonne hat er noch nie gesehen. Er wei\u00df nicht, was Zeit ist, doch hat er einen Termin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zu merken, dass der K\u00f6rper auf dem Leib lastet, ist der Triumph des J\u00e4gers. Er steht, weil zu sitzen seiner Natur widerstrebt, weil er leben und nicht warten soll. Es gibt keine kranken, keine gesunden\u00a0J\u00e4ger und auch die Verletzung ist keine Ruptur seines Soseins, es ist ein sanfter und kr\u00e4ftiger \u00dcbergang. Nicht beweglich, sondern in Bewegung zu sein, schenkt seinem Auge die Tiefe &#8211; keinem J\u00e4ger ist ein Bildschirm genug. Wild durchaus, aber nicht rasend steht er am Hang, um die Welt, derer er sich erm\u00e4chtigt hat, zu \u00fcberblicken. Sein Gegenstand ist kein Objekt, er begreift ihn nur, weil er ihn ergreift &#8211; erst im Besitz der Welt beginnt der Wille des J\u00e4gers. Dieser Puls seines Lebens schl\u00e4gt im Einklang mit der Tat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das B\u00fcro ist die Ekstase der verwalteten Welt. Knechtisch am Schreibtisch dienend, wei\u00df doch jeder um die bittere Weisheit des Silenos, dass das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck ist, nie gearbeitet zu haben, und das Zweitbeste, fr\u00fch in den Feierabend zu gehen. Und doch ist\u00a0sich\u00a0dieser eine \u00d6dipus hier sicher, welches Warten die \u00dcberlastung seiner schwachen Knie rechtfertigt: Une sorte de pri\u00e8re, une vague supplique. Er ist sich Untertan zu sein verpflichtet, verpflichtet dem Ordentlichen &#8211; einerlei, wof\u00fcr er hier die H\u00e4nde in den R\u00fccken st\u00f6\u00dft, um mit einem letzten blinden Atemzug\u00a0den Nacken zu einer berstenden Entspannung zu verzerren.\u00a0Jedes Glied schreit nach Entspannung von Spannung, die es nie gegeben hat, in der Leere des Wartens im ortlosen B\u00fcro, das nur der Termin zusammenzuhalten scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich tritt ein anderer Knecht ein. Die Magie der T\u00fcr ist es, zwei entfernte Atmosph\u00e4ren zu vermischen, Neues, Wandel, Antrieb zu versprechen. Sie schlie\u00dft sich. Hier stehen nun zwei &#8211; und jeder Blick w\u00e4re zu viel. Ein B\u00fcrger blickt nicht, er wei\u00df und meint. Dort jedoch, wo zwei freie Geister, zwei J\u00e4ger in doppelter Kontingenz aufeinander sto\u00dfen, \u00a0treffen, prallen, ist die Gegenwart des Anderen im Blick, ist es ein heftiger Speer in die eigene Deckung, die im Kampf um das Dasein miteinander zu ringen, zur Freude der lebendigen Begegnung machen. Die Furcht vor dieser lebendigen Begegnung l\u00e4sst diesen hier nicht aufblicken. Er gr\u00fc\u00dft freundlich und verbindlich &#8211; verbunden werden zwei in allt\u00e4glicher Gewohnheit, in der Verl\u00e4sslichkeit, nichts voneinander zu erwarten zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines bleibt: Der Sessel, die Verhei\u00dfung. Er wird die Zeit\u00a0des Wartens purgieren, vergessen machen, ihr ihre Bedeutung schenken. M\u00f6gen es Minuten oder Viertelstunden gewesen sein, die \u00d6dipus\u00a0hier hing, ihr Tribut wird dankbar sein, sobald er st\u00fcrzen kann, denn um sich zu setzen, ist er nun zu schwach. Dort, im Sessel, wird er nicht mehr kein J\u00e4ger sein, sondern gesch\u00e4ftig, besch\u00e4ftigt. Fast leichtf\u00fc\u00dfig, w\u00e4re ihm sein K\u00f6rper nicht fremd, schreitet, nein, t\u00e4nzelt er seinem Vorgesetzten, keinem Menschen entgegen, um ihm die Hand zu geben. Nun wird niemand mehr fliehen k\u00f6nnen. Die offene Hand weist auf das\u00a0Polster. Er f\u00e4llt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_472\" aria-describedby=\"caption-attachment-472\" style=\"width: 556px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Lovis_Corinth_013.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-472\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Lovis_Corinth_013-1024x499.jpg\" alt=\"Lovis Corinth (1924): Walchensee-Panorama\" width=\"556\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Lovis_Corinth_013-1024x499.jpg 1024w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Lovis_Corinth_013-300x146.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Lovis_Corinth_013.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-472\" class=\"wp-caption-text\">Lovis Corinth (1924): Walchensee-Panorama; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lovis_Corinth#\/media\/File:Lovis_Corinth_013.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tr\u00e4ge\u00a0Zeit des M\u00fc\u00dfiggangs, eine sorgsame Mutter oder einen Platz braucht es, um einen J\u00e4ger zu knechten. 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