{"id":318,"date":"2015-01-12T21:03:06","date_gmt":"2015-01-12T19:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=318"},"modified":"2015-01-14T00:08:11","modified_gmt":"2015-01-13T22:08:11","slug":"zwei-gedanken-zur-subsistenz-in-der-verwalteten-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=318","title":{"rendered":"Zwei Gedanken zur Subsistenz in der verwalteten Welt"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Lagebericht<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wolf Biermanns &#8222;Legende vom sozialistischen Gang&#8220; beginnt mit den entscheidenden, aber tr\u00fcgerischen\u00a0Worten: &#8222;Ihr gro\u00dfen Helden macht Pause!&#8220;. Es folgt eine fiktive biografische Eskapade eines Allerweltsmenschen, Paul Kunkel, im Kampf mit der B\u00fcrokratie der DDR. Der Anhaltspunkt dieses Textes ist\u00a0die Intuition, dass im Zeitalter der Digitalisierung\u00a0mehr denn je niemand, auch kein Held, der oktroyierten Vereinnahmung\u00a0durch Institutionen, ob \u00f6ffentliche Regulationen oder\u00a0sozialisierte Gewohnheiten, entkommt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/Oufpgm9NvUE\" width=\"420\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Dass das Heldenhafte Pause hat, ist dennoch g\u00fcltig. Ob blo\u00dfe Klage oder strategische Gesellschaftskritik, in jedem Fall verdr\u00e4ngt die Analyse realgesellschaftlicher Themen das Ephemere, wie Kunst und Philosophie. Gesellschaftskritik suggeriert Relevanz, sie betrifft jeden und macht ihn betroffen. Heldenhaft wird sie dadurch noch nicht, ein Abenteuer ebenso wenig. Sicherlich braucht es Zorn oder Mut, Unabh\u00e4ngigkeit trotz Abh\u00e4ngigkeit und einen klaren Blick, um die Relationen zeitgen\u00f6ssischer Missst\u00e4nde ad\u00e4quat zu konstatieren, der Ort der Gesellschaftskritik ist dennoch nicht von\u00a0H\u00f6henluft oder der Abgrund, sondern die dringliche Immanenz knapp \u00fcber dem Meeresspiegel. Deswegen gelten die ersten Worte dieses Textes den Helden, die Pause haben, also den sublimen und exaltierten Themen, die eines lichteren Tages harren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em><strong>Die Ideologisierung der Gesundheit<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_184\" aria-describedby=\"caption-attachment-184\" style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/curzio-malaparte1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-184\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/curzio-malaparte1.jpg\" alt=\"Curzio Malaparte\" width=\"256\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/curzio-malaparte1.jpg 801w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/curzio-malaparte1-234x300.jpg 234w\" sizes=\"auto, (max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-184\" class=\"wp-caption-text\">Curzio Malaparte<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gesundheitsbewusstsein ist der zentrale Ausdruck der Gesundheitspsychologie. Sein zentrales Anliegen ist die F\u00f6rderung von dem, was sich abstrakt als gesund klassifizieren l\u00e4sst. H\u00e4ufig zitiert ist dabei die Definition der Weltgesundheitsorgansisation, die Gesundheit durch zwei Komponenten bestimmt, die Abwesenheit von Krankheit und die Anwesenheit von bio-psycho-sozialem\u00a0Wohlergehen. Die Kritik der Gesundheitsideologie setzt dort an, wo die Geltung dieser beiden Aspekte unfraglich ist, der Indoktrination des Alltags.<\/p>\n<p>Es sind zwei Formulierungen desselben Gedankens, die den Zugang zu einer kritischen Perspektive erlauben. Curzio Malaparte (La pelle, 1949) sind sie eingedenk der Leiden des zweiten Weltkriegs aufgekommen, doch gelten\u00a0sie sich auch f\u00fcr\u00a0befriedete und sp\u00e4tere Zeiten:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es macht mir wenig Freude zu sehen, wieweit der Mensch sich erniedrigen kann, um zu leben. Mir war der Krieg lieber als die &#8222;Pest&#8220;, die nach der Befreiung uns alle beschmutzt, verdorben, gedem\u00fctigt hatte, alle, M\u00e4nner, Frauen, Kinder. Vor der Befreiung hatten wir gek\u00e4mpft und gelitten, um nicht zu sterben. Jetzt k\u00e4mpften und litten wir, um zu leben. Es besteht ein tiefer Unterschied zwischen dem Kampf, um nicht zu sterben, und dem Kampf, um zu leben. Menschen, die k\u00e4mpfen, um nicht zu sterben, bewahren ihre W\u00fcrde, verteidigen sie eifers\u00fcchtig, alle, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, mit grimmiger Entschlossenheit. [&#8230;] Aber nach der Befreiung hatten die Menschen k\u00e4mpfen m\u00fcssen, um zu leben. Es ist eine dem\u00fctigende, entsetzliche Sache, eine schmachvolle Notwendigkeit, zu k\u00e4mpfen, um zu leben. Nur um zu leben. Nur um die nackte Haut zu retten. Es ist nicht mehr der Kampf gegen die Verknechtung, der Kampf f\u00fcr die Freiheit, f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde, f\u00fcr die Ehre&#8220; (Die Haut, S. 53f).<\/p><\/blockquote>\n<p>Der zweite Ausdruck dieses Gedankens findet sich an anderer Stelle:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es ist die moderne Zivilisation, diese Zivilisation ohne Gott, welche die Menschen zwingt, ihrer eigenen Haut eine solche Bedeutung beizumessen. Es ist nichts als die Haut, was heute z\u00e4hlt. An Sicherem, an Fa\u00dfbarem, an Unbestreitbarem gibt es nichts au\u00dfer der nackten Haut. Sie ist das einzige, was wir besitzen. Was uns geh\u00f6rt. Das verg\u00e4nglichste Ding, das es in der Welt gibt. Nur die Seele ist unsterblich, o Jammer! Aber was gilt die Seele heutzutage? Nichts als die Haut z\u00e4hlt. Alles besteht aus menschlicher Haut. Auch die Fahnen der Heere sind aus menschlicher Haut. Man schl\u00e4gt sich nicht mehr f\u00fcr Ehre, f\u00fcr Freiheit, f\u00fcr Gerechtigkeit. Man schl\u00e4gt sich f\u00fcr die Haut, f\u00fcr diese widerw\u00e4rtige Haut&#8220; (Die Haut, S. 158f).<\/p><\/blockquote>\n<p>Leicht l\u00e4sst sich hier der Bezug auf das Thema der Gesundheit leugnen, wenn eine Deutung der Passagen im Kontext einer allgemeinen Materialismuskritik gesucht wird. Gewiss ist die Haut\u00a0hier auch eine Metapher f\u00fcr alles blo\u00df Weltliche, doch das ist zu kurz gedacht. Der Kampf, der hier angesprochen wird, ist kein symbolischer, er ist existenziell.\u00a0Der Kampf, um zu leben, nimmt den Tod in Kauf, weil das Leben nicht bedingungslos ist. Gesundheit ist ihm eine Ressource. F\u00fcr ein Ideal ins Feld zu ziehen, ist Grund genug, den Verlust k\u00f6rperlichen Wohlergehens und Krankheit zu riskieren.\u00a0Der Kampf, um nicht zu sterben, ist demgegen\u00fcber bedingungslos.\u00a0Mag dieser Kampf\u00a0existentiell auch nicht mehr dringlich sein, so dauert er doch \u00fcber das Ende des zweiten Weltkriegs fort, weil der Grund zu leben verloren wurde. Die Definition der Gesundheit durch die WHO ist ein Tribut an die Haut.<\/p>\n<figure id=\"attachment_325\" aria-describedby=\"caption-attachment-325\" style=\"width: 268px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/549dfa53895c3908b16352e73edc2d26_M.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-325\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/549dfa53895c3908b16352e73edc2d26_M.jpg\" alt=\"S\u00f8ren Kierkegaard; Quelle\" width=\"268\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/549dfa53895c3908b16352e73edc2d26_M.jpg 400w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/549dfa53895c3908b16352e73edc2d26_M-270x300.jpg 270w\" sizes=\"auto, (max-width: 268px) 100vw, 268px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-325\" class=\"wp-caption-text\">S\u00f8ren Kierkegaard; <a href=\"http:\/\/chatafrik.com\/special\/philosophers\/soren-kierkegaard-men-of-ideas\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Spricht Malaparte von Gott, so ist es nicht notwendig, eine theistische Gesinnung zu vermuten, die hier der Ideologisierung der Gesundheit entgegengehalten wird. Oft muss zwischen dem Gott der Religion und demjenigen der Philosophie unterschieden werden.\u00a0F\u00fcr Malaparte ist die Zivilisation &#8222;gottlos&#8220; im Sinne S\u00f8ren Kierkegaards, f\u00fcr den sich das autonome Selbst in der Welt f\u00fcr den Glauben entscheiden muss. &#8222;Die Krankheit zum Tode&#8220; (Sygdommen til D\u00f8den, 1849) ist kein k\u00f6rperliches Leiden, sondern ein geistiges. Es ist die Verzweiflung des Individuums ohne festen Stand auf einer geistigen Gewissheit: &#8222;Es ist n\u00e4mlich gerade nicht so, da\u00df man, im w\u00f6rtlichen Sinne, an dieser Krankheit stirbt, oder da\u00df diese Krankheit mit dem leiblichen Tod endet. Im Gegenteil, die Qual der Verzweiflung besteht gerade darin, da\u00df man nicht sterben kann. Sie hat insofern mehr mit dem Zustand des Todkranken gemeinsam, wenn er daliegt, sich mit dem Tod qu\u00e4lt und nicht sterben kann&#8220; (S. 14).<\/p>\n<p>Der K\u00f6rperkult ebenso wie die Bem\u00fchung um ausgeglichenes Temperament ist ein Ausdruck einer geistigen Verzweiflung. In Zeiten einer hypertrophen Egomanie\u00a0scheint kein Motiv stark genug sein zu k\u00f6nnen, um den &#8222;toten Seelen&#8220; (im Sinne Gogols), die nur leben wollen, Leben zu verleihen. Nicht zuletzt erw\u00e4chst\u00a0diese Krankheit zum Tode aus einer horrenden Armut an Idealen, f\u00fcr die es die Gesundheit zu investieren sich lohnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_323\" aria-describedby=\"caption-attachment-323\" style=\"width: 277px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/redd_foxx.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-323\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/redd_foxx.jpg\" alt=\"John Elroy Sanford (Redd Foxx); Quelle\" width=\"277\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/redd_foxx.jpg 640w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/redd_foxx-300x271.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-323\" class=\"wp-caption-text\">John Elroy Sanford (Redd Foxx); Quelle<\/figcaption><\/figure>\n<p>Scheinheilig, wenngleich mannhaft ist es, dem nackten \u00dcberleben ein hedonistisches Streben nach sinnlichen Gen\u00fcssen\u00a0 entgegenzuhalten. Eine \u00dcberwindung der geistlosen Verzweiflung ist dieses\u00a0Streben jedoch nicht. John Elroy Sanford res\u00fcmiert solch&#8216; eine\u00a0Haltung in seiner Rolle als\u00a0Redd Foxx:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;I smoke and drink. A lot of you don\u2019t drink,\u00a0no smoke. Some people here tonight, they don\u2019t eat butter; no salt, no sugar, no lard. &#8218;Cause they want to live [!], they give up that good stuff. Neckbones, pig tails\u2026 You&#8217;re gonna feel like a damn fool laying at the hospital dying of nothing&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Gegen das liberale Wissenschaftsparadigma: Die Mystifizierung des K\u00fcnftigen<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_331\" aria-describedby=\"caption-attachment-331\" style=\"width: 286px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/David-Hume-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-331\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/David-Hume-6.jpg\" alt=\"David Hume; Quelle\" width=\"286\" height=\"272\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-331\" class=\"wp-caption-text\">David Hume; <a href=\"http:\/\/www.famouspeopleinfo.com\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/David-Hume-6.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Durch die Jahrhunderte ist die abendl\u00e4ndische wissenschaftliche Publikationspraxis von einem Polymorphismus befallen gewesen, der beispielsweise im Mittelalter einen Tribut an das Christentum\u00a0und\u00a0im real existierenden Sozialismus an die kommunistische Kaderdoktrin gewesen ist. In David Humes &#8222;Dialoge \u00fcber nat\u00fcrliche Religion&#8220; beispielsweise (dialogues concerning natural religion, 1779) zollen die Dialogpartner dem christlichen Dogma wechselweise\u00a0ihren rhetorischen Respekt, unabh\u00e4ngig von inhaltlichem Religionsskeptizismus oder Theismus.<\/p>\n<p>So hoch der Anspruch an die Befreiung von selbst verschuldeter Unm\u00fcndigkeit in der Wissenschaft der Gegenwart auch sein mag, der besagte Polymorphismus ist hartn\u00e4ckig.\u00a0Er l\u00e4sst sich in\u00a0willk\u00fcrlich erw\u00e4hlten Diskussionsabschnitten diverser Zeitschriftenartikel wiederfinden, z. B.:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;To summarize, we have raised many important questions<br \/>\nthat require further investigation for a better understanding<br \/>\nof the mechanisms underlying deliberate forgetting of autobiographical memories. At this point,<br \/>\nlittle doubt remains that intentional forgetting of autobiographical<br \/>\nevents is possible&#8220; (Joslyn &amp; Oakes [2005]: Directed forgetting of autobiographical events).<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;More generally, findings from the present research can contribute to improved<br \/>\nunderstanding of divorce-related motivations and cognitions and might help to direct<br \/>\nfuture research or counseling efforts in this domain&#8220; (Stalder [2011]: The role of dissonance, social comparison, and marital status in thinking about divorce).<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Science, too, may in the future add new\u00a0data to the familiar facts which have been rehearsed here&#8220; (Pears [1991]: self-deceptive belief-formation).<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Polymorphismus\u00a0hat die Form eines abstrakten prospektiven Optimismus angenommen: K\u00fcnftige Forschung habe die eventuelle G\u00fcltigkeit der eigenen Hypothesen zu bestimmen. Seine Herkunft ist\u00a0zwischen methodologischem kritischem Rationalismus, gesellschaftlichem Individualismus und epistemologischem\u00a0Relativismus zu finden; wissenschaftliche Forschung sei\u00a0nie abgeschlossen und somit weder ganz g\u00fcltig noch je ung\u00fcltig.<\/p>\n<p>Das Problem dieser Formulierungen ist nicht wesentlich eine direkte\u00a0Gefahr. Vielmehr ist es eine\u00a0ideologische Vereinnahmung durch dasjenige, was bereits an anderer Stelle\u00a0als das &#8222;ewige Gespr\u00e4ch&#8220; (im Sinne der Romantik, vgl. von Krockow) diskutiert wurde. Diese Vereinnahmung hat zwei Facetten. Erstens wird dem gegenw\u00e4rtigen wissenschaftlichen Handeln jede Entscheidungsmacht vor dem unendlichen Horizont der Zukunft abgesprochen. Der Zahn der Zeit scheint jede vermeintliche Gewissheit in Frage zu stellen. Zweitens wird das Urteil \u00fcber die Relevanz eines Gedankens an die vollkommen abstrakte, d. h. unbestimmte, eigenschaftslose, Zukunft delegiert. Mag die eigene Forschung augenscheinlich vollkommen trivial oder irrelevant sein &#8211; erst am Ende aller Tage ist ihr Stellenwert bekannt.<\/p>\n<p>Diese Geisteshaltung ist nicht nur der Freischein f\u00fcr vollkommen redundante Forschung &#8211; was ertr\u00e4glich und mitunter n\u00fctzlich sein mag -, sondern auch der Todessto\u00df f\u00fcr jedes wirklich gro\u00dfe\u00a0Werk, da ihm der Boden des\u00a0gerechtfertigten Geltungsanspruchs unter den F\u00fc\u00dfen entrissen wird. Dadurch zuletzt, dass die Referenz auf k\u00fcnftige Forschung zur Floskel wird, verliert der Gedanke seinen eigent\u00fcmlichen Nutzen. W\u00e4hrend in der Gegenwart dar\u00fcber disponiert werden k\u00f6nnte, womit sich die Auseinandersetzung auch in Zukunft\u00a0lohnte, verliert ein undifferenziertes\u00a0Inaugurieren der eigenen Arbeit\u00a0&#8211; zu behaupten\u00a0weiterer Ber\u00fccksichtigung w\u00fcrdig zu sein\u00a0&#8211;\u00a0jeden Kontakt und Nutzen zu sp\u00e4terer Wissenschaft. Implizit werden die eigenen Errungenschaften gleichsam dem Zufall \u00fcbergeben, dass einst ein anderer Kopf an das eigene Denken anschlie\u00dfen wird &#8211; eine Perpetuierung gro\u00dfer Willk\u00fcr\u00a0gewiss; drastischer\u00a0noch wird aber zugleich die Themenwahl in der Wissenschaft anderen Mechanismen als der Erkenntniskritik \u00fcberlassen, etwa der Popularit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lagebericht Wolf Biermanns &#8222;Legende vom sozialistischen Gang&#8220; beginnt mit den entscheidenden, aber tr\u00fcgerischen\u00a0Worten: &#8222;Ihr gro\u00dfen Helden macht Pause!&#8220;. Es folgt eine fiktive biografische Eskapade eines Allerweltsmenschen, Paul Kunkel, im Kampf mit der B\u00fcrokratie der DDR. 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