{"id":300,"date":"2015-03-03T23:17:08","date_gmt":"2015-03-03T21:17:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=300"},"modified":"2015-03-04T14:04:46","modified_gmt":"2015-03-04T12:04:46","slug":"was-ist-die-welt-eine-erwiderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=300","title":{"rendered":"Was ist die Welt: eine Erwiderung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die \u00d6ffnung des Sichtbaren<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>In der Morgend\u00e4mmerung l\u00e4uft ein Schauer \u00fcber die Dinge. W\u00e4hrend der Nacht haben sie, mit dem Schatten verschmolzen, ihre Identit\u00e4t verloren. Jetzt aber erschafft sie, nicht ohne Z\u00f6gern, das Licht neu. Ich ahne schon, da\u00df jene gestrandete Barke, auf deren Mast ein verkohlter Papagei sitzt, das Sofa und die Lampe sind, da\u00df jener Ochse, der geschlachtet zwischen S\u00e4cken schwarzen Sandes liegt, der Schreibtisch ist; in wenigen Augenblicken wird der Tisch wieder Tisch hei\u00dfen&#8230; Durch die Ritzen des Fensters im Hintergrund schl\u00fcpft jetzt die Sonne. Sie kommt von weit her und fr\u00f6stelt. Sie streckt einen gl\u00e4sernen Arm vor, der bei der Ber\u00fchrung mit der Wand in kleinste St\u00fccke zerspringt. Drau\u00dfen treibt der Wind die Wolken. Die metallenen Jalousien kreischen wie eiserne V\u00f6gel. Die Sonne wagt drei weitere Schritte; wie eine funkelnde Spinne gl\u00e4nzt sie jetzt mitten im Raum. Ich ziehe den Vorhang auf: Die Sonne hat keinen K\u00f6rper sie ist \u00fcberall. Berge und Meere hat sie durchmessen, die ganze Nacht lang, um sich in den Vorst\u00e4dten zu verlieren. Schlie\u00dflich ist sie ganz eingetreten und, als blende sie ihr eigenes Licht, tappt unsicher durch die Wohnung. Sie sucht etwas, ber\u00fchrt die W\u00e4nde, bahnt sich zwischen den roten und gr\u00fcnen Flecken des Gem\u00e4ldes einen Weg und klettert die B\u00fccherregale hinauf, die sich sogleich in ein Vogelhaus verwandeln, in dem jede Farbe ihren Ton hinausschreit&#8220; (S. 41).<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_351\" aria-describedby=\"caption-attachment-351\" style=\"width: 267px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Octavio_Paz-e1339181285450.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-351\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Octavio_Paz-e1339181285450.png\" alt=\"Octavio Paz; Quelle\" width=\"267\" height=\"234\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Octavio_Paz-e1339181285450.png 888w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Octavio_Paz-e1339181285450-300x263.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 267px) 100vw, 267px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-351\" class=\"wp-caption-text\">Octavio Paz; <a href=\"http:\/\/www.pen-international.org\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Octavio_Paz-e1339181285450.png\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gemeine, westliche sozialisierte Menschenverstand mag diese lebendige Erz\u00e4hlung von Octavio Paz (1966) als einen pittoresken anthropomorphen Animismus oder Panpsychismus halten, den der K\u00fcnstler anbringt, um dem Leser eine angeregte Atmosph\u00e4re zu er\u00f6ffnen. Es ist allerdings notwendig, sich von derartigen konventionellen Assoziationen zu l\u00f6sen, um einen Zugang zu\u00a0der\u00a0an dieser Stelle vorgestellten Perspektive auf den Begriff der Welt zu erwerben. Der Anlass ihrer\u00a0Darstellung ist eine auf dieser Plattform etablierten Kontroverse. Ich nehme die von Marcel vorgebrachten f\u00fcnf Fragen gegen\u00fcber einem meiner vormaligen Artikel (Die Kafkakasse, oder: \u00dcber die Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wirklichkeit; 09. November 2014) zum Anlass einiger Erl\u00e4uterungen dazu, welches Verst\u00e4ndnis vom Begriff der Welt meinem Denken und Schreiben zugrunde liegt.\u00a0Der Lekt\u00fcre\u00a0ist mitnichten vorausgesetzt, meine Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wirklichkeit zu erinnern oder gar zuvor gelesen zu haben.\u00a0Obgleich sich eine diskursive Kontinuit\u00e4t beobachten lassen sollte, ist die Konzeption und Intention der Niederschrift aphoristisch und textuell offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorausgesetzt hingegen ist die Bereitschaft zur Reflexion\u00a0des epistemischen status quo\u00a0&#8211;\u00a0in anderen Worten:\u00a0Octavio Paz&#8216; Kontemplation \u00fcber die Morgend\u00e4mmerung darf keine kontingente kreative Anregung, sondern muss eine \u00d6ffnung des Sichtbaren (ein Begriff von Jean-Luc Marion) gestatten. Dabei bezieht sich\u00a0Marion auf die ph\u00e4nomenale Eigenschaft von Kunstwerken, nicht blo\u00df Oberfl\u00e4che, Repr\u00e4sentation oder Referenz zu sein, sondern das Sichtbare in der Tiefe zum Unsichtbaren zu erweitern. Es geht an dieser Stelle gleichsam nicht um die naturalistische Messbarkeit der Welt, sondern ihre Erscheinung: Die Welt als Ph\u00e4nomen.\u00a0Die Wirkung des\u00a0Kunstwerks ist kein Hirngespinst,\u00a0sondern eine erscheinende Selbstgebung des Unsichtbaren durch die \u00d6ffnung des Sichtbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>\u00a0Interpretationshoheit<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>1) Verstehst du unter \u201cWelt\u201d in deinen gesamten Ausf\u00fchrungen exakt dasselbe oder differiert die von dir zugrunde gelegte Bedeutung? Und bezeichnest du damit jeweils nur die Gesamtheit der Erscheinungen oder die der Dinge selbst?<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_123\" aria-describedby=\"caption-attachment-123\" style=\"width: 273px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-123\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\" alt=\"Edmund Husserl\" width=\"273\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg 419w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900-228x300.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123\" class=\"wp-caption-text\">Edmund Husserl<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage suggeriert, es gebe Situationen, in denen mit einem Ausdruck stets und unweigerlich das selbe gemeint werden k\u00f6nne. Der zugrunde liegende Gedanke ist eine Referenzstruktur der Sprache, wie er beispielsweise in der klassischen analytischen Philosophie postuliert wird: Es gebe eine faktische Relation von Wort und Ding, die im Ausdruck aktiviert wird: Die Referenz. Die\u00a0kritische Analyse dieser Vorstellung, wie sie beispielsweise von Edmund Husserl in seinen &#8222;Logischen Untersuchungen&#8220; (1900\/1901) durchgef\u00fchrt wurde, zeigt jedoch auf, dass sich dieses Schema nicht an dem Vollzug der Erkenntnis eines Gegenstands bew\u00e4hren kann. Vielmehr zeigt sich, dass in der Wahrnehmung in jeder neuen Situation der selbe Gegenstand in abweichender Weise wahrgenommen wird &#8211; es sich also f\u00fcr den Wahrnehmenden um unterschiedliche Gegenst\u00e4nde handeln m\u00fcsste &#8211; und dennoch erkannt wird. In diesem Sinne lagert sich zwischen das Wort und das Ding eine (Akt-)Struktur, die die Anschauung des Dings (intuitiver Akt) mit der Bedeutung des Wortes (signifikativer Akt) ins Verh\u00e4ltnis setzt, und die Intuition in der Erkenntnis die Erf\u00fcllung der Signifikation sein l\u00e4sst. Die Crux dieses Gedankens ist, dass es kein faktisches unmittelbares Verh\u00e4ltnis zwischen Wort und Ding gibt &#8211; an seine Stelle tritt die Erkenntnis der Deckung von Signifikation und Intuition, d. h. von der intentionalen Zuwendung des meinenden Aussagens auf sein Objekt und der Erscheinung des Dings in der Wahrnehmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Husserls Ansatz stellt f\u00fcr die Frage klar, dass das Verh\u00e4ltnis von Wort und Ding nie blo\u00df beobachtet werden m\u00fcsste, denn es gibt es nicht. Vielmehr ist es erst dem erkennenden Subjekt gegeben, die Akteinheit von Anschauung und Bedeutung zu erleben. Erst durch diese Aktstruktur erlaubt sich zu erkennen, dass die Wahrnehmung nicht das Richtma\u00df der Identifikation ist,\u00a0in anderen Worten: Ein ganzer Bildlichkeitskreis an Anschauungen kann eine Bedeutung teilen (&#8222;Denn das hinweisende Meinen ist dasselbe, welche Wahrnehmung aus der Mannigfaltigkeit zusammengeh\u00f6riger Wahrnehmungen zugrunde liegen mag, in denen immer derselbe, und erkennbar derselbe Gegenstand erscheint&#8220;) und eine Anschauung kann durch diverse Worte ausgedr\u00fcckt werden (z. B.\u00a0bei Husserl: &#8222;Eine Amsel fliegt auf&#8220; und &#8222;dieses schwarze Tier schwingt sich\u00a0auf&#8220;).\u00a0F\u00fcr den ersten Teil dieser Frage erhellt somit, dass es keine objektive\u00a0Zuordnung des Wortes &#8222;Welt&#8220; zu einem Ding\u00a0gegeben haben k\u00f6nnte, das sich\u00a0einfach konfirmatorisch abrufen h\u00e4tte lassen m\u00fcssen. Im Gegenteil: Die Bedeutungsverleihung ist selbst ein Akt und dadurch von der Situation des Ausdrucks abh\u00e4ngig. Mag mir also klar gewesen sein, was der Ausdruck &#8222;Welt&#8220; meint, kann nichts garantieren, dass es jedem anderen nicht anders geht.\u00a0Zu antworten ist also, dass etwas gemeint wurde und es etwas nachzuvollziehen gibt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_428\" aria-describedby=\"caption-attachment-428\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Franz_Brentano1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-428\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Franz_Brentano1-659x1024.png\" alt=\"Franz Brentano; Quelle\" width=\"251\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Franz_Brentano1-659x1024.png 659w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Franz_Brentano1-193x300.png 193w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Franz_Brentano1.png 1087w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-428\" class=\"wp-caption-text\">Franz Brentano; <a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/30\/Franz_Brentano1.png\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem zweiten Teil der Frage\u00a0l\u00e4sst sich zum Inhalt \u00fcbergehen. Dessen\u00a0Formulierung zeigt ein grundlegendes Missverst\u00e4ndnis auf, das jedoch erst im Laufe der Beantwortung der \u00fcbrigen Fragen ein Kl\u00e4rungsangebot erfahren k\u00f6nnen wird. Der Beginn ist grunds\u00e4tzlich: Die Beschreibung der Welt durch mich erfolgt vom ph\u00e4nomenologischen Standpunkt. Das Credo der Ph\u00e4nomenologie ist: &#8222;Zu den Sachen selbst!&#8220; Damit sei erstens ausgedr\u00fcckt, dass es Sachen bzw. Dinge gibt (also die Welt keine blo\u00dfe Vorstellung ist), zweitens, dass das Bewusstsein\u00a0sich ihnen zuwenden kann (dass radikaler Erkenntnisskeptizismus nicht haltbar ist), und drittens, dass die Zuwendung n\u00f6tig ist (dass es falsche Ans\u00e4tze gibt). Die fundamentale Eigenschaft des Bewusstseins\u00a0ist dabei die Intentionalit\u00e4t\u00a0(ein Ausdruck Franz Brentanos, Husserls Lehrer). Intentionalit\u00e4t meint die Gerichtetheit auf einen Gegenstand. Nichts ist im Bewusstsein, das sich auf keinen Gegenstand, keine Sache richtet. Richten kann sich das Bewusstsein allerdings erst auf die korrespondierende Sache, weil sie erscheint. Diese Erscheinung gibt ihm den Namen\u00a0\u03c6\u03b1\u03b9\u03bd\u03cc\u03bc\u03b5\u03bd\u03bf\u03bd. Es ist somit nicht das Bewusstsein der Urheber der Intentionalit\u00e4t, sondern das aktive Erscheinen der Dinge im Bewusstsein. Deswegen kann die oben gestellte Frage nicht beantwortet werden: Erscheinendes und Dinge sind identisch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_429\" aria-describedby=\"caption-attachment-429\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/immanuelkant_big.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-429\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/immanuelkant_big.jpg\" alt=\"Immanuel Kant; Quelle\" width=\"225\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/immanuelkant_big.jpg 677w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/immanuelkant_big-240x300.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-429\" class=\"wp-caption-text\">Immanuel Kant; <a href=\"http:\/\/derweg.org\/personen\/literatur\/images\/immanuelkant_big.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich ist die Frage nicht unn\u00fctz. Sie suggeriert n\u00e4mlich ein anderes Verst\u00e4ndnis des Begriffs der Erscheinung. Dabei handelt es sich um den cartesianischen\u00a0Dualismus von res extensa &#8211; dem Ding\u00a0&#8211; und res cogitans &#8211; der Erscheinung.\u00a0Hier wird davon ausgegangen, dass es eine Vermittlung von zwei Sph\u00e4ren gibt, die in keinem Identit\u00e4tsverh\u00e4ltnis stehen: Den realen\u00a0Dingen an sich und den Dingen f\u00fcr das Subjekt. Der Grenzwert dieser \u00dcberlegung ist der methodische Zweifel daran, ob irgendeine Erscheinung \u00fcberhaupt seinem Referenzobjekt akkurat entspricht: Descartes verneint. Der Fehler dieser Vorstellung ist der Glaube, es w\u00fcrde \u00fcber reales Sein disponiert. Die\u00a0Gegenposition stammt aus Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1787):<\/p>\n<blockquote><p>Sein ist offenbar kein reales Pr\u00e4dikat, d.\u00a0i. ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen k\u00f6nne. Es ist blo\u00df die Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urteils.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davon auszugehen, von der Welt zu reden, bedeutete, das Sein der Dinge festzustellen ist falsch. Das Ding an sich ist f\u00fcr Kant vielmehr eine regulative Idee &#8211; oder in Husserls Worten: &#8222;Die formgebende Flexion, das Sein in der attributiven und pr\u00e4dikativen Funktion, erf\u00fcllt sich, sagten wir, in keiner Wahrnehmung.&#8220; Die Welt ist der Ort des Seienden, nicht des Seins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>\u00eatre brut<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>2) Wenn du \u201cWelt\u201d als Erscheinung begreifst, wie weit reicht dann die Welt? Wer ist der, dem sie erscheint \u2013 das Individuum oder alle Individuen? Gibt es f\u00fcr jedes Individuum in jedem Zeitpunkt eine eigene Welt oder nur eine gemeinsame Welt?<br \/>\nIst also die Welt nur f\u00fcr uns? Und, wenn ja, h\u00f6rt sie dort auf, wo meine Kenntnis von ihr und meine Wahrnehmung aufh\u00f6rt?<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier bietet sich der Einstieg mit der gleichzeitigen Bearbeitung der zweiten und dritten Frage an. Der Standpunkt des Bewusstseins kennt zwei Perspektiven zu seiner Feststellung: Eine transzendentale und eine performative. Transzendental l\u00e4sst sich zun\u00e4chst feststellen, dass es Erfahrung gibt. Hier gilt es analytisch festzustellen, was die Bedingungen der M\u00f6glichkeit dieser Erfahrung &#8211; und, so Kant, damit die Bedingungen der M\u00f6glichkeit ihrer Gegenst\u00e4nde sind. In Bezug auf den den Standpunkt des Bewusstseins bieten sich zwei Alternativen an. Entweder bedarf es einer transzendentalen Identit\u00e4t oder ihrer nicht. Hier teilt sich die Ph\u00e4nomenologie in zwei Lager: Diejenigen, die das transzendentale Ego nicht aufzugeben bereit sind und diejenigen, die radikaler Weise ihre Gedanken nur auf die Performanz gr\u00fcnden. Ich bin dabei unentschlossen und selbst nicht sicher, wenngleich zur zweiten Alternative tendierend. Performativ l\u00e4sst sich zun\u00e4chst nur feststellen, dass es einen z. B. narrativen Erfahrungsstrom gibt, der stattfindet. Ihn zu dekomponieren hei\u00dft, nicht auf den transzendentalen Standpunkt zur\u00fcckzufallen, sondern entweder naturalistisch Elemente zu postulieren, die die Erfahrung konstituieren, oder (konstruktivistisch) die Erfahrung als das\u00a0systemisch-holistische Ganze zu beschreiben.\u00a0Diese \u00dcberlegung l\u00e4sst sich als Antwort auf die beiden erw\u00e4hnten Fragen explizieren: Ist das Individuum als Unzerteilbares gemeint, so entspricht ihm ein transzendentales Ego. In dieser Form kann es durchaus als Tr\u00e4ger des Bewusstseins, das die Welt erf\u00e4hrt, verstanden werden.\u00a0Eine Alternative ist jedoch, den Begriff des Individuums nicht zur Erkl\u00e4rung der Erfahrung heranzuziehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_438\" aria-describedby=\"caption-attachment-438\" style=\"width: 246px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/99637-004-E8C87E5E.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-438\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/99637-004-E8C87E5E.jpg\" alt=\"Saul Kripke; Quelle\" width=\"246\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/99637-004-E8C87E5E.jpg 332w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/99637-004-E8C87E5E-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 246px) 100vw, 246px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-438\" class=\"wp-caption-text\">Saul Kripke; <a href=\"http:\/\/media-1.web.britannica.com\/eb-media\/37\/99637-004-E8C87E5E.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden Fragen gehen aber spezifischer auf den Gesichtspunkt der Intersubjektivit\u00e4t ein. Hier ist klar und bestimmt zu antworten, dass f\u00fcr jede Person die Welt anders ist und damit nach Husserl und Kant auch an sich &#8211; allerdings notwendiger Weise nur performativ, nicht transzendental. Es gibt keine epistemologische Notwendigkeit, dass ein Teil der Welt f\u00fcr eine Person exklusiv sein sollte. Die Frage nach einem Zeitpunkt setzt indessen bereits die Kategorie der Zeit voraus, was einen Schritt zu weit geht. Hier muss die Vorstellung m\u00f6glicher Welten tangiert werden, die in der analytischen Philosophie z. B. von David Lewis und Saul Kripke diskutiert wird. Es ist wichtig, sich vor Augen zu f\u00fchren, dass m\u00f6gliche Welten &#8211; auch Welten ohne Zeit &#8211; stipuliert, d. h. abg\u00e4ngig von der realen Welt generiert, werden k\u00f6nnen. Zugleich sind m\u00f6gliche Welten jedoch ein Gegenstand der realen Welt.\u00a0\u00a0Es ist somit nicht trivial resp. voraussetzungsfrei, die angef\u00fchrten\u00a0Fragen \u00fcberhaupt stellen zu k\u00f6nnen. Vielmehr sollte grunds\u00e4tzlicher gedacht werden: Die Welt erscheint dem Bewusstsein.\u00a0Die Anzahl der Personen, die bewusst sind, spielt dabei keine Rolle. Ebenso wenig ist es relevant, ob die Personen dabei eine ad\u00e4quate mentale Repr\u00e4sentation der Welt generieren oder sie zu verstehen versuchen. Naiv ist es, nach dem im vorherigen Abschnitt Gesagten, noch zu er\u00f6rtern, ob es Privatwelten gibt, denn der Begriff der Welt bezeichnet lediglich die Kontinuit\u00e4t der Erfahrung. Weil Erfahrung immer auf etwas gerichtet ist, ist das Objekt der Intentionalit\u00e4t die einzige Wurzel der Erfahrung selbst und damit das, was die einzige Welt ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_286\" aria-describedby=\"caption-attachment-286\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-286\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg\" alt=\"Maurice Merleau-Ponty\" width=\"253\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946-252x300.jpg 252w\" sizes=\"auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-286\" class=\"wp-caption-text\">Maurice Merleau-Ponty<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt ist\u00a0letztlich auch die Aussagbarkeit von Eigenschaften, sodass die Frage sich eigentlich nicht stellt, ob sie eine Reichweite habe. Ob die Welt nur f\u00fcr uns ist, gemahnt an viele Interpretationen dieser Frage. Erstens die Konstruierbarkeit der Welt:\u00a0Prominent l\u00e4sst sich im Solipsismus beispielsweise von einer Emergenz der Welt aus dem Willen eines personalen Zentrums sprechen. Hiervon l\u00e4sst sich allerdings unter Bezugnahme auf die Intentionalit\u00e4t nicht ausgehen. Zweitens der Relativismus: Zu meinen, jede Perspektive sei inkommensurabel, ist ein klassisches erkenntnisskeptisches Argument. Auch Descartes setzt hier an. Sich von dieser Skepsis zu befreien ist ein entscheidender Schritt. Maurice Merleau-Ponty stellt in seinem posthum ver\u00f6ffentlichten Sp\u00e4twerk &#8222;Das Sichtbare und das Unsichtbare&#8220; (1964) klar:<\/p>\n<blockquote><p>Eine Reflexionsphilosophie &#8211; als methodischer Zweifel und als Reduktion der Weltoffenheit auf &#8222;geistige Akte&#8220;, auf innere Beziehungen zwischen der Idee und ihrem Ideat &#8211; ist dem, was sie erhellen will, auf dreifache Weise untreu: der sichtbaren Welt, demjenigen, der sie sieht, und seinen Beziehungen zu den anderen &#8222;Sehern&#8220;. Behauptet man, die Wahrnehmung sei eine &#8222;Inspektion des Geistes&#8220; und sei dies immer schon gewesen, so definiert man sie nicht durch das, was sie uns gibt, sondern dasjenige in ihr, was sich der Hypothese der Inexistenz widersetzt, so identifiziert man das Positive sofort mit einer Negation der Negation, so fordert man dem Unschuldigen den Beweis seiner Nicht-Schuld ab und reduziert unseren Kontakt zum Sein von vornherein auf diskursive Operationen, vermittels derer wir uns gegen die T\u00e4uschungen verteidigen, und reduziert das Wahre auf das Wahrscheinliche und das Wirkliche auf das M\u00f6gliche (S. 61).<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_440\" aria-describedby=\"caption-attachment-440\" style=\"width: 288px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bildschirmfoto-2010-08-09-um-203749-288x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-440\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/bildschirmfoto-2010-08-09-um-203749-288x300.jpg\" alt=\"Niklas Luhmann; Quelle\" width=\"288\" height=\"300\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-440\" class=\"wp-caption-text\">Niklas Luhmann; <a href=\"http:\/\/gedankenstrich.org\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/bildschirmfoto-2010-08-09-um-203749-288x300.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Descartes&#8216; methodischer Zweifel ist nicht falsch, aber er unterminiert die Autorit\u00e4t jedes authentischen Wahrheitsglaubens. Das Ph\u00e4nomen wird um seine Wirklichkeit betrogen. Die Welt ist der Ort des Wahren, nicht des Wahrscheinlichen. Drittens lie\u00dfe sich unter dem Diktum der Welt f\u00fcr uns auch eine pragmatische Komponente verstehen: Selbst wenn die Ph\u00e4nomene sich zeigen, hei\u00dft es nicht, dass jeder sie sehen muss &#8211; es mag sogar sein, dass keine zwei Menschen die gleichen Ph\u00e4nomene vor Augen haben. Hier gibt es zwei wichtige Einspr\u00fcche: Erstens ist der Andere gleicherma\u00dfen ein Ph\u00e4nomen wie alle anderen Dinge der Welt, sodass keine monadische Privatwelten garantiert sind, denn ein Einfluss ist m\u00f6glich. Zweitens ist einem pragmatischen Argument nur mit einem pragmatischen Gegenargument gen\u00fcge getan: Niklas Luhmann skandiert z. B. in seinem Werk &#8222;Soziale Systeme&#8220; (1984) die faszinierende Idee der &#8222;Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>Versetzt man sich auf den Nullpunkt der Evolution zur\u00fcck, so ist zun\u00e4chst unwahrscheinlich, da\u00df Ego \u00fcberhaupt versteht, was Alter meint &#8211; gegeben die Trennung und Individualisierung ihrer K\u00f6rper und ihres Bewu\u00dftseins. Sinn kann nur kontextgebunden verstanden werden, und als Kontext fungiert f\u00fcr jeden zun\u00e4chst einmal das, was sein eigenes Wahrnehmungsfeld und sein eigenes Ged\u00e4chtnis bereitstellt. Ferner schlie\u00dft [&#8230;] Verstehen immer auch Mi\u00dfverstehen ein, und die Mi\u00dfverstehenskomponente wird, wenn man sich nicht auf zus\u00e4tzliche Voraussetzungen st\u00fctzen kann, so hoch sein, da\u00df eine Weiterf\u00fchrung der Kommunikation unwahrscheinlich wird (S. 217f).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und weiter;<\/p>\n<blockquote><p>Man hat den Proze\u00df soziokultureller Evolution zu begreifen als Umformung und Erweiterung der Chancen f\u00fcr aussichtsreiche Kommunikation, als Konsolidierung von Erwartungen, um die herum die Gesellschaft dann ihre sozialen Systeme bildet; und es liegt auf der Hand, da\u00df dies nicht einfach ein Wachstumsproze\u00df ist, sondern ein selektiver Proze\u00df, der bestimmt, welche Arten sozialer Systeme m\u00f6glich werden, wie Gesellschaft sich gegen blo\u00dfe Interaktion absetzt und was als zu unwahrscheinlich ausgeschlossen wird (S. 219).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So l\u00e4sst sich beispielsweise das Introspektionsverbot in der der akademischen Psychologie erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letztgenannte Frage nach der Begrenzung der Welt l\u00e4sst sich schnell mit einem Zitat Merleau-Pontys aus dem oben erw\u00e4hnten Text erwidern:<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt eine Pr\u00e4existenz der Welt gegen\u00fcber unserer Wahrnehmung, eine Pr\u00e4existenz der Aspekte der Welt, die ein Anderer wahrnimmt, gegen\u00fcber meiner eigenen sp\u00e4teren Wahrnehmung derselben Welt, eine Pr\u00e4existenz meiner Welt gegen\u00fcber der Welt meiner Nachfahren, und all diese &#8222;Welten&#8220; bilden eine einzige Welt\u00a0[&#8230;]. Meine eigene Wahrnehmung der Welt und die Weltwahrnehmung eines anderen Menschen sind in allem, was sie bedeuten, ein und dieselbe, obwohl unsere Leben nicht vergleichbar sind; denn die Bedeutung und der Sinn &#8211; als innere Ad\u00e4quation, als Beziehung von sich zu sich, als reine Innerlichkeit und totale Offenheit zugleich &#8211; steigen niemals zu uns herab, die wir einer Perspektive unterworfen sind, wir sind in dieser Eigenschaft niemals uns selbst ein Licht, und auf diese Weise treffen all unsere Wahrheiten zusammen und bilden von Rechts wegen ein einziges System (S. 71f).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Das Primat der Wahrnehmung<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>3) Welche Rolle spielt bei dir die Erkenntnis? Inwiefern unterscheidet sie sich von der \u201cWelt\u201d oder ihrer Wahrnehmung?<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe Schwierigkeit, die es zu verstehen gilt, ist, dass die Ph\u00e4nomenologie kein naiver Empirismus ist. Vielmehr gibt es keine Pr\u00e4supposition des Sensualismus, also sensueller Informationen. Die Selbstgegebenheit der Ph\u00e4nomene beschr\u00e4nkt sich nicht auf Sinnesdaten und l\u00e4sst sich auf keinen (physikalischen) Atomismus reduzieren. Zugleich ist die Wahrnehmung ein privilegierter Zugang zu den Ph\u00e4nomenen. Indes, Husserl stellt klar, dass die klassische Differenzierung von Intero- und Exterozeption keine ph\u00e4nomenale G\u00fcltigkeit beanspruchen kann. Im Gegenteil: Alle Ph\u00e4nomene haben die gleiche existenzielle Dringlichkeit. In seiner 1946 ver\u00f6ffentlichten Schrift &#8222;Das Primat der Wahrnehmung und seine philosophischen Konsequenzen&#8220; stellt Maurice Merleau-Ponty dar:<\/p>\n<blockquote><p>Wir k\u00f6nnen daher weder die klassische Unterscheidung zwischen Form und Materie auf die Wahrnehmung anwenden noch das wahrnehmende Subjekt als ein Bewusstsein auffassen, das eine sinnliche Materie &#8222;interpretiert&#8220;, &#8222;entschl\u00fcsselt&#8220; oder &#8222;ordnet&#8220;, deren ideales Gesetz er kennt. Die Materie geht mit ihrer Form &#8222;schwanger&#8220;, was im Grunde so viel bedeutet wie, dass jede Wahrnehmung innerhalb eines bestimmten Horizonts und schlie\u00dflich in der &#8222;Welt&#8220; stattfindet, von denen uns sowohl der eine als auch die andere eher praktisch gegenw\u00e4rtig sind, als dass sie ausdr\u00fccklich von uns erkannt und gesetzt werden, und dass die gewisserma\u00dfen organische Verbindung zwischen dem wahrnehmenden Subjekt und der Welt prinzipiell den Widerspruch zwischen der Immanenz und der Transzendenz umgreift (S. 26).<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_442\" aria-describedby=\"caption-attachment-442\" style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ORO0784003.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-442\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ORO0784003.jpg\" alt=\"Serge Moscovici; Quelle\" width=\"228\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ORO0784003.jpg 228w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/ORO0784003-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-442\" class=\"wp-caption-text\">Serge Moscovici; <a href=\"http:\/\/www.divergence-images.com\/images\/olivier-roller\/230-230\/ORO0784003.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die plastischen Konsequenzen dieser Geisteshaltung lassen sich anderweitig verdeutlichen. Erstens gibt es keine evidente Ordnung der Welt: Das Nahe hat keine epistemische Priorit\u00e4t vor dem Fernen, ebenso wenig wie das Gewohnte\u00a0vor dem Fremden oder das Gleiche vor dem Abweichenden. Zweitens ist Wahrnehmung die archetypische sinnstiftende, d. h. sch\u00f6pferische, T\u00e4tigkeit. Das Bewusstsein ist als Akteur der Wahrnehmung ein Epizentrum der Welt, weil es Differenz und Relation in sie allererst einf\u00fchrt. Die pr\u00e4existenzielle Welt ist demgem\u00e4\u00df relations- und differenzlos. Deswegen halte ich an einer tiefen Einsicht Serge Moscovicis aus einem 1968 ver\u00f6ffentlichten Werk &#8222;Versuch \u00fcber die menschliche Geschichte der Natur&#8220; fest:<\/p>\n<blockquote><p>Man hat vielfach versucht, zwischen Entdeckung und Erfindung nach der &#8222;W\u00fcrde&#8220; ihres Gegenstandes zu unterscheiden. [&#8230;] Die Kontroverse verdankt sich dem Wunsch, die Resultate der Wissenschaft und der Theorien auf der einen Seite, die Ergebnisse der handwerklichen T\u00e4tigkeiten und Praktiken auf der anderen Seite unabh\u00e4ngig voneinander zu klassifizieren und gegeneinander abzugrenzen. Offenbar geht [man] von der Hypothese aus, da\u00df auf der einen Seite Dinge gefunden werden, die bereits existierten, w\u00e4hrend auf der anderen Seite Objekte geschaffen werden, die vorher nicht bestanden. [&#8230;]\u00a0In jedem Falle aber enthalten Theorie und Wissenschaft Hypothesen, die gleichfalls Erfindungen sind, welche sich unserem Geist verdanken, und die Techniken st\u00fctzen sich auf Elemente, die in unserer Umwelt aufgelesen und entdeckt worden sind. Ganz wie der Autor des Artikels &#8222;Invention&#8220; (Erfindung) in der Encyclopaedia Britannica bemerkt: &#8222;Auch die Atome sind Erfindungen&#8220;. Dieser Satz l\u00e4\u00dft sich auf jede beliebige Erkenntnis anwenden, auf jede alte oder moderne Kosmologie, und der Autor schlie\u00dft seine Untersuchung mit der Feststellung, es lasse sich &#8222;keine pr\u00e4zise Unterscheidung zwischen Erfindung und Entdeckung treffen&#8220;. Ich schlie\u00dfe mich dieser Meinung an; sie stellt die Einheit eines Prozesses wieder her, f\u00fcr dessen ganz nutzlose Zergliederung nur die Unkenntnis seiner Implikationen oder der Bezug auf die Vielfalt seiner Effekte verantwortlich sein kann (S. 65f).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Mitwelt<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>4) Was soll die Empathie in Hinblick auf die \u201cWelt\u201d bewirken? Ist sie f\u00fcr dich die Grundlage f\u00fcr eine Einbeziehung fremder Wertungen in die eigene Welt?<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_444\" aria-describedby=\"caption-attachment-444\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/karl-lowith.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-444\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/karl-lowith.jpg\" alt=\"Karl L\u00f6with; Quelle\" width=\"227\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/karl-lowith.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/karl-lowith-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-444\" class=\"wp-caption-text\">Karl L\u00f6with; <a href=\"https:\/\/geopolicraticus.files.wordpress.com\/2009\/08\/karl-lowith.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage m\u00f6chte ich im Kontext von\u00a0Karl L\u00f6withs 1928 erschienenen\u00a0Schrift &#8222;Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen&#8220; als Mitwelt diskutieren. Der Autor betont darin, dass die Welt der Ort des Erfahrens von einerseits Dingen und andererseits Mitmenschen ist. Nach der zuvor dargestellten Gleichartigkeit aller Ph\u00e4nomene in der Anschauung mag dieser Gedanke kontraintuitiv erscheinen. Entscheidend ist hier zu ber\u00fccksichtigen, dass es sich um einen aposteriorischen Unterschied, d. h. einen in der Qualit\u00e4t der Ph\u00e4nomene in ihrer Wahrnehmung, nicht einen apriorischen, also einen in ihrer\u00a0logischen Struktur, handelt. Wesentlich muss ber\u00fccksichtigt werden, dass der Andere in der Erfahrung nicht als Objekt sondern auch als Subjekt, d. h. als selbstst\u00e4ndiges Bewusstsein, erfahren werden kann. Die zentrale Kategorie der Mitwelt wird in diesem Sinne die Begegnung: &#8222;Soweit mir die Welt zug\u00e4nglich ist, aber auch nur soweit, k\u00f6nnen mir darin auch Menschen begegnen&#8220; (S. 14). Ihre Abgrenzung erf\u00e4hrt die Mitwelt zur Umwelt, dem Ort der Objekte, wenngleich L\u00f6with vom &#8222;Vorschein der Mitwelt in der Umwelt&#8220; (S. 27) spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Crux der Mitwelt ist darin zu sehen, dass leibliche oder soziale Gegenwart von Mitmenschen eine qualitative \u00c4nderung der perzeptuellen und interaktiven Handlungsmodalit\u00e4ten gestattet. Der zentrale Begriff ist hierbei die doppelte Kontingenz. Hierbei handelt es sich um einen Effekt, der Eintritt, wenn zwei Subjekte sich begegnen, ohne einen Anlass f\u00fcr eine sozialisierte\u00a0Interaktion zu haben. Die M\u00f6glichkeit einer reziproken Spontaneit\u00e4t f\u00fchrt zu einer anarchischen Situation, in der die gegenseitige Beobachtung die Lage nicht ersch\u00f6pfend zu explorieren erlaubt. In anderen Worten: Die Mitwelt\u00a0erzwingt Initiative.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Wertungen und Atmosph\u00e4ren<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote><p>5) Inwiefern begreifst du Furcht und Geschmack als Eigenschaften eines Subjekts? Was genau soll den Unterschied zur Sch\u00f6nheit begr\u00fcnden? Sowohl die Bezeichnung von etwas als sch\u00f6n als auch die Aussage, etwas sei furchteinfl\u00f6\u00dfend oder wohlschmeckend enthalten alle Wertungen \u00fcber eine Sache, die durch eigene Eigenschaften bedingt sind: Ich kann einen eigenen Geschmack, eine bestimmte Phobie und eine eigene Vorstellung von Sch\u00f6nheit haben. Ich sehe hier keine Differenz. Wo siehst du die deinige?<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_445\" aria-describedby=\"caption-attachment-445\" style=\"width: 336px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Boehme_Gernot.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-445\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Boehme_Gernot.jpg\" alt=\"Gernot B\u00f6hme; Quelle\" width=\"336\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Boehme_Gernot.jpg 415w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/Boehme_Gernot-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-445\" class=\"wp-caption-text\">Gernot B\u00f6hme; <a href=\"http:\/\/www.kath.de\/akademie\/rahner\/Koepfe\/abb-gross\/Boehme_Gernot.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der Objektivit\u00e4t der Sch\u00f6nheit hat in dem Diskurs dieser Seite und dar\u00fcber hinaus viel Raum eingefordert. Ich m\u00f6chte hier nun unmissverst\u00e4ndlich Stellung beziehen. Erneut verstehe ich mich hier in philosophischer Tradition. Seit Kants drei Kritiken\u00a0werden drei (obere) Erkenntnisverm\u00f6gen unterschieden: Der Verstand wendet sich den Begriffen zu, die Urteilskraft den Urteilen und die Vernunft den Schl\u00fcssen. Das Prinzip des Verstandes ist dabei die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, dasjenige der Urteilskraft die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit und dasjenige der Vernunft die Verbindlichkeit. Ihre Gegenst\u00e4nde zuletzt sind: Dem Verstand das Wahre, der Urteilskraft das Sch\u00f6ne und dem Verstand das Gute.\u00a0Bei der Sch\u00f6nheit handelt es sich also um keine Wertung, sondern um ein Urteil. Gernot B\u00f6hme versucht in seiner Aufsatzsammlung &#8222;Anthropologie in pragmatischer Hinsicht&#8220; (1985) zu entbergen, wieso Sch\u00f6nheit gemeinhin f\u00fcr eine subjektive Wertung gehalten wird:<\/p>\n<blockquote><p>Was ist das Sch\u00f6ne? Wir sagen, eine Frau sei sch\u00f6n, ein Bild, eine Landschaft, wir sprechen von sch\u00f6nen Kleidern oder einem sch\u00f6nen Garten. Wenn wir uns Rechenschaft geben, was wir mit dem Wort &#8222;sch\u00f6n&#8220; meinen, machen wir die Erfahrung, da\u00df unsere Sprechweise in gewissem Sinne im Gegensatz zu der ausgedr\u00fcckten Erfahrung steht. Wir nennen n\u00e4mlich etwas sch\u00f6n, als sei die Sch\u00f6nheit ein Pr\u00e4dikat, das dieses Etwas &#8211; eine Frau, ein Bild, eine Landschaft usw. &#8211; neben anderen Eigenschaften hat. Sollten wir diese Eigenschaften aber angeben, so gerieten wir in Verlegenheit, gingen dazu \u00fcber, Sch\u00f6nheit als eine Art Gesamteindruck zu behaupten. Damit gleitet man aber in die Vermutung hinein, da\u00df die Sch\u00f6nheit \u00fcberhaupt nicht nur durch &#8222;objektive&#8220; Pr\u00e4dikate des Sch\u00f6nen zu bestimmen ist, sondern durch die Wirkung aufs Subjekt. Der Satz &#8222;diese Frau, dieses Bild, diese Landschaft ist sch\u00f6n&#8220; w\u00fcrde dann genauer hei\u00dfen: Ich finde sie sch\u00f6n (S. 193).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie seine Formulierung bereits vermuten l\u00e4sst, geht es B\u00f6hme jedoch darum, Sch\u00f6nheit gerade nicht als ein\u00a0Belangen\u00a0des Geschmacks zu verstehen. Was er tats\u00e4chlich unter der Sch\u00f6nheit versteht, kl\u00e4rt er im Folgenden auf:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn wir die Wirkung auf das Subjekt einbeziehen, dann k\u00f6nnen wir Sch\u00f6nheit formal bestimmen als Gesamterscheinung von etwas, insofern sie f\u00fcr das Subjekt eine Verlockung darstellt. Wenn wir uns aber die Beispiele noch einmal vor Augen f\u00fchren, eine sch\u00f6ne Frau, ein sch\u00f6nes Bild, eine sch\u00f6ne Landschaft, sch\u00f6ne Kleider, ein sch\u00f6ner Garten, so bemerken wir, da\u00df hier offenbar nicht von irgendeiner Verlockung die Rede ist, sondern deutlich von einer gehemmten Verlockung. Eine sch\u00f6ne Frau ist gerade nicht diejenige, die sexy ist, ein sch\u00f6nes Bild verlangt bewundernden Abstand, eine sch\u00f6ne Landschaft erscheint wie hinter Glas, sch\u00f6ne Kleider sind nur f\u00fcr sonntags, und ein sch\u00f6ner Garten liegt hinter der Mauer.\u00a0[&#8230;] Vom Sch\u00f6nen k\u00f6nnen wir sagen, da\u00df es unsere Aufmerksamkeit erregt, aber nicht durch Besonderheiten, sondern einfach durch das, was es ist. Eine sch\u00f6ne Frau ist eben eine sch\u00f6ne Frau, eine sch\u00f6ne Landschaft eine sch\u00f6ne Landschaft. Diese Charakterisierung des Sch\u00f6nen hat Platon mit der Wendung ausgedr\u00fcckt, das Sch\u00f6ne sei das Scheinendste. Und die idealistischen Philosophen, beispielsweise Hegel, haben die Sch\u00f6nheit als erscheinende Idee definiert. Die Sch\u00f6nheit von etwas ist in diesem Sinn sein hervorleuchtendes Was-sein, seine deutliche Pr\u00e4senz als es selbst (S. 193f).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gernot B\u00f6hme geht es hier darum, das Sch\u00f6ne als die\u00a0eindr\u00fccklichste Atmosph\u00e4re (Hermann Schmitz spricht von Atmosph\u00e4ren als\u00a0&#8222;ergreifenden Gef\u00fchlsm\u00e4chten&#8220;) \u00a0zu verstehen. Sie ist in der Erscheinung der Dinge begriffen und damit unabh\u00e4ngig von der Pers\u00f6nlichkeit des Wahrnehmenden. Darin\u00a0besteht das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis: Mag jemand eine Vorstellung von der Sch\u00f6nheit haben, die ihm eigen ist, so privilegiert es ihn dazu, das eine oder andere Sch\u00f6ne zu erblicken. Erst jedoch derjenige, der ohne eine schematische Vorstellung an die deutliche Pr\u00e4senz der Ph\u00e4nomene herantritt, wird die sch\u00f6nen unter ihnen zu erkennen wissen. Hiervon handelt die Ph\u00e4nomenologie &#8211; im Besonderen ihre\u00a0sogenannte epoch\u00e9: Die Befreiung von konzeptuellen Annahmen und Erwartungen gegen\u00fcber dem, was geschehen wird. Deswegen ist die Ph\u00e4nomenologie die genuine Gegenposition zum common sense.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00d6ffnung des Sichtbaren In der Morgend\u00e4mmerung l\u00e4uft ein Schauer \u00fcber die Dinge. W\u00e4hrend der Nacht haben sie, mit dem Schatten verschmolzen, ihre Identit\u00e4t verloren. Jetzt aber erschafft sie, nicht ohne Z\u00f6gern, das Licht neu. 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