{"id":211,"date":"2014-10-23T22:15:31","date_gmt":"2014-10-23T20:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=211"},"modified":"2014-10-23T22:15:31","modified_gmt":"2014-10-23T20:15:31","slug":"laesio-lucri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=211","title":{"rendered":"Laesio lucri"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sind Sie eigentlich Masochist?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Warum?<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abrei\u00dfen, gen\u00fcsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger &#8222;trivialer&#8220; Dinge. Von modischen Ohrsteckern bis hin zu Naturvolk, das sich lange St\u00e4be durch die Wangen sticht, ist die <em>Laesio lucri\u00a0<\/em>(das bedeutet: die gewinnbringende Verletzung) ein omnipr\u00e4sentes Element menschlicher Natur\u00a0<sup>1<\/sup>\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Grenzen &#8211; oder was sie nicht ist<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor wir uns nun mit den Erfahrungen befassen, die wir zugleich als genuin schmerzhaft und zugleich als positiv erleben, muss es nun darum gehen, was nicht mit einer Laesio lucri gemeint ist.<\/p>\n<figure style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/8\/82\/M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg\/800px-M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"274\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Baron von M\u00fcnchhausen reitet auf einer Kanonenkugel, Zeichnung von August von Wille, 1872;\u00a0<a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/8\/82\/M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg\/800px-M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum einen sind damit weder selbstverletzendes\u00a0Verhalten (&#8222;Ritzen&#8220; und seine Artverwandten) noch Konversionsst\u00f6rungen oder gar das M\u00fcnchhausen-Syndrom gemeint. W\u00e4hrend der Selbstverletzung am h\u00e4ufigsten eine psychiatrische Grundst\u00f6rung zu Grunde liegt und die Selbstverletzung daraus resultiert, handelt es sich bei Konversionsst\u00f6rungen am einfachsten gesagt um die Verk\u00f6rperlichung seelischer Spannungszust\u00e4nde und ist im erweiterten Sinne der Psychosomatik zu zuordnen. \u00a0Auch das M\u00fcnchhausen-Syndrom ist hier nicht gemeint &#8211; dabei erfinden Patienten relativ unspezifische Krankheitssymptome wie bei der Hypochondrie, gehen aber teilweise so weit, sich selbst zu verletzen oder zu vergiften, um glaubhaft in \u00e4rztlicher Behandlung zu bleiben und entziehen sich zugleich einer psychiatrischen oder neurologischen Begutachtung und Behandlung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In all diesen oben genannten F\u00e4llen l\u00e4sst sich (mehr oder weniger, die\u00a0Suche nach den Ursachen\u00a0mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen und wird nicht wenig \u00e4rztliches Geschick erfordern) eindeutig der psychiatrische Krankheitswert feststellen. Dies ist bei den Beispielen der laesio lucri jedoch nicht der Fall.<\/p>\n<figure style=\"width: 232px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f8\/Sade_%28van_Loo%29.png\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"235\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Marquis de Sade, in dessen Romanen sexuelle Handlungen und Gewaltfantasien beschrieben wurden; danach der Begriff des Sadismus, gepr\u00e4gt\u00a0von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_von_Krafft-Ebing\">Richard von Krafft-Ebing<\/a>; Bild:\u00a0<a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f8\/Sade_%28van_Loo%29.png\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen ist damit nicht der Sadomasochismus gemeint. Also der erotische Lustgewinn sowohl aus dem Erleben k\u00f6rperlicher Schmerzen als auch durch das Zuf\u00fcgen derselben (die Elemente der Macht und Dem\u00fctigung sind f\u00fcr diese\u00a0Betrachtung nicht weiter entscheidend). Hierbei handelt es sich um ein Beispiel sogenannter sexueller Devianz, dessen Krankheitswert aber immer weiter eingeschr\u00e4nkt wird\u00a0&#8211; lediglich Personen, die nur noch dadurch in der Lage sind, sexuelle Lust zu versp\u00fcren, werden z.B. nach aktuellen Diagnosekriterien des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Diagnostic_and_Statistical_Manual_of_Mental_Disorders\" target=\"_blank\">DSM IV<\/a> als an Sadomasochismus erkrankte definiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zumindest auf die Frage, ob man denn Masochist sei, sollte an dieser Stelle jeder eine klare Antwort f\u00fcr sich vor Augen haben, egal ob zustimmend, ablehnend oder nicht n\u00e4her erprobt. Doch wie funktioniert nun die Laesio lucri?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>Hedonismus<\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Einen \u00fcber einen biologischen Mechanismus, der uns in Extremsituationen erm\u00f6glicht hat, trotz Schmerzen zu \u00fcberleben: die sogenannten Endorphine\u00a0<sup>2<\/sup>. Sinn dieser\u00a0Substanzklasse (nach bisherigen Theorien) ist, dass wir sie uns selbst verabreichen<sup>3<\/sup>, sobald wir in eine Situation geraten, in der wir einen Schmerz unterdr\u00fccken m\u00fcssen, um nicht dadurch gel\u00e4hmt zu werden. Sicher wissen wir, dass sie nach Schmerzreizen Gl\u00fccksgef\u00fchle ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, wenn auch in unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine schmerzhafte Situation, so sie nicht unmittelbar existentiell bedrohlich ist,\u00a0in der Lage ist, ein Gef\u00fchl der Zufriedenheit und der &#8222;Belohnung&#8220; auszul\u00f6sen, das bis zur Euphorie steigerbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Utilitarismus<\/em><\/strong><\/p>\n<figure style=\"width: 312px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/cdn3.spiegel.de\/images\/image-414876-galleryV9-gtcy.jpg\" alt=\"\" width=\"312\" height=\"208\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Gewinn sozialer Bewunderung durch ein schmerzhaftes Erlebnis; Szene aus Thailand bei einer Festwoche der chinesischen Minderheit;\u00a0<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/fotostrecke\/phuket-vegetarier-festival-fotostrecke-88735-4.htmlhttp:\/\/www.spiegel.de\/fotostrecke\/phuket-vegetarier-festival-fotostrecke-88735-4.html\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Anderen \u00fcber die Erwartungen und Normen der Gesellschaft, die sich in unseren Religionen, unserer Erziehung und unserem Freundeskreis (Neudeutsch der &#8222;Peer Group&#8220;) niederschlagen. Diese normieren die Erw\u00fcnschtheit schmerzhafter Erfahrungen in beide Richtungen: ein Mitglied eines Volkes, das sich Spie\u00dfe rituell durch die Wangen sticht, vermag sozialen Kapitalverlust (Ehrverlust)\/Unlust zu vermeiden, in dem er den Affront des Bruches mit der Tradition vermeidet und vermag zugleich soziales Kapital\/Lust zu gewinnen, in dem er diese gesellschaftlich wichtigen Regeln befolgt, also seine Position in einer exklusiven Gruppe festigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso vermag eine strikte Abneigung gegen\u00fcber bestimmten Praktiken selbstverst\u00e4ndlich zu einer gr\u00f6\u00dferen Unlustgenerierung f\u00fchren &#8211; bis hin zur Vermeidung der Praktik, um soziale Ausgrenzung zu vermeiden. Jedoch scheint dieser Zustand in unseren Breiten immer weiter aufzuweichen:\u00a0wenn sichtbare T\u00e4towierungen oder \u00fcberm\u00e4\u00dfiger K\u00f6rperschmuck (betroffen sind ausdr\u00fccklich Mitglieder von Subkulturen, d.h. gesamtgesellschaftlich Minderheiten) ausreichender Grund sind, eine Anstellung eines Menschen in einem Betrieb zu verhindern. Hier hat im betroffenen Individuum, wenn auch m\u00f6glicherweise unbewusst, eine Abw\u00e4gung zugunsten der Peer Group und gegen die breitere Basis der Gesellschaft stattgefunden. Der Nutzen der Anpassung und Abgrenzung gegen das gro\u00dfe Ganze muss offensichtlich schwerer (im Nutzen) wiegen, als die Anpassung an den Mainstream und die damit verbundenen verbesserten wirtschaftlichen Lebenschancen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Womit wir leben<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun jedoch zu den allt\u00e4glichen Beispielen, diejenigen, die f\u00fcr jeden von uns greifbar machen sollten was eine Laesio lucri ist und wo sich in ihnen die hedonistisch-utilitaristischen Widerspr\u00fcche verbergen. Zwischen denen entscheiden wir uns nur all zu oft zugunsten der Laesion und handeln damit sogar in manchen F\u00e4llen fahrl\u00e4ssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Feuer<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Schwei\u00dfperlen auf der Stirn, ein Qu\u00e4len, ein Brennen. das mittlerweile den gesamten Mund ausf\u00fcllt, von den Lippen \u00fcber die Zunge leckt das Feuer \u00fcber den Gaumen und reicht bis in den Rachen hinein &#8211;\u00a0 wieder und wieder schaufelt jemand den Brennstoff hinein, wie ein Heizer, der verzweifelt Kohlen in den gl\u00fchenden Schlund der Lokomotive wirft. \u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lediglich der Dampf aus den Ohren fehlt zur obigen Analogie, wenn man beim Inder eine Portion Lamm Vindaloo verspeist.\u00a0 Nicht minder trifft sie auf Menschen zu, die sich eine Currywurst mit einer So\u00dfe bestellen, die jenseits der nat\u00fcrlich vorkommenden Sch\u00e4rfegrade extra hergestellt wurden, ja sogar zur Currywurst eine Milch und ein Haftungsausschluss mit serviert werden.<\/p>\n<figure style=\"width: 268px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/fd\/Capsicum0.jpg\/450px-Capsicum0.jpg\" alt=\"\" width=\"268\" height=\"357\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Entgegen der landl\u00e4ufigen Vorstellung befindet sich das meiste Capsaicin der Chilishoten nicht in den Samen, sondern in der Plazenta und der Samenscheidewand. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Capsicum0.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die weit bekannte Ursache f\u00fcr den Schmerz beim Verzehr scharfer Speisen &#8211; Capsaicin &#8211; wirkt \u00fcber die nozizeptiven (d.h. Schmerz wahrnehmenden) freien Nervenendigungen und aktiviert dort Ionenkan\u00e4le, die sonst auf starke Hitzereize reagieren sollen. Daher empfinden wir den Verzehr scharfer Speisen als Schmerz wie bei einer Verbrennung. Obwohl nichts daran angenehm ist, essen trotzdem zahllose Menschen, sogar ganze V\u00f6lker, besonders gerne Schmerz. Auf Nachfrage warum, werden die meisten antworten, dass sie sich danach &#8222;irgendwie besser&#8220; f\u00fchlen. Hedonistisch im Vordergrund steht dabei der oben beschriebene, biochemische Mechanismus. Doch wie steht es um den utilitaristischen Konflikt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der &#8222;Verlust&#8220;-Seite steht nur bei extremen Dosen (gemessen an der eigenen Vertr\u00e4glichkeit) eine wahrhaftige gesundheitliche Gef\u00e4hrdung durch eine \u00fcberm\u00e4\u00dfig starke Stressreaktion des K\u00f6rpers auf den Schmerzreiz<sup>4<\/sup>, der jedoch konventionell selten erreicht werden kann. In &#8222;handels\u00fcblichen&#8220; Mengen (die sch\u00e4rfsten Curryw\u00fcrste dieser Welt sind damit nicht gemeint) steht also h\u00f6chstens das Err\u00f6ten und die Schwei\u00dfentwicklung als situatives Problem da, wenn in der Peer Group, in der man sich gerade befindet, diese Art des Auftretens potentiell sanktionierbar w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An &#8222;Haben&#8220; gewinnt ein Scharf-Esser unter bestimmten Bedingungen, etwa bei hohen Umgebungstemperaturen, wo die Erweiterung der oberfl\u00e4chlichen Blutgef\u00e4\u00dfe und die erh\u00f6hte Schwei\u00dfproduktion zu einer besseren W\u00e4rmeabgabe f\u00fchren k\u00f6nnen. Dies erkl\u00e4rt sicherlich anteilig die Popularit\u00e4t scharfer Speisen in den besonders warmen Klimata der Erde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In erster Linie entscheidet der Scharf-Esser also hedonistisch geleitet, nach Lustgewinn. An zweiter Stelle erst kommen Situativ utilitaristische \u00dcberlegungen in die Abw\u00e4gung hinein, d\u00fcrften jedoch im Regelfall nachrangig bleiben, es sei denn eine Situation verlangt besonders seri\u00f6ses, neutrales Auftreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>H\u00f6rner<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein eingewachsenes Haar, eine verstopfte Pore. Man gebe dazu ein paar Bakterien\u00a0 und schwupps: Pickel und Mitesser, wohin das Auge wandert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr manche die Plage der Pubert\u00e4t gewesen sein mag, stirbt auch Jahre danach nicht aus. Ebenso wenig die Angewohnheit, sie zu zerquetschen, diese \u00e4sthetisch l\u00e4stigen Makel, die &#8211; kaum schaut man in den Spiegel &#8211; gleich penetrant ins Blickfeld springen. Der Entschluss der Mehrheit ist hier eindeutig: der Pickel muss Platz machen und platzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso klar ist der utilitaristische und hedonistische Grund daf\u00fcr: so der Pickel bereits eine ausgepr\u00e4gtere Entz\u00fcndung zeigte l\u00e4sst das Druckgef\u00fchl nach, es ist eben kein &#8222;Horn&#8220; mehr auf der Stirn zu f\u00fchlen, so lange man nicht dar\u00fcber f\u00e4hrt. Au\u00dferdem ist allein der Glaube an die \u00e4sthetische Bereinigung des Antlitz&#8216; hier Berge versetzend\/Finger bewegend.<\/p>\n<figure style=\"width: 177px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cb\/Hippokrates.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"290\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Hippokrates von Kros, ca. 460-370 v. Chr., Begr\u00fcnder der noch heute g\u00fcltigen Lehre: Ubi pus, ibi evacua (Wo Eiter ist, da entleere ihn). <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hippokrates_von_Kos#mediaviewer\/File:Hippokrates.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie steht es aber um den negativen Aspekt des Handelns? Die meisten werden schon Geschichten dar\u00fcber geh\u00f6rt haben, dass einen Pickel auszudr\u00fccken ein medizinisches Risiko darstellt. Dies stimmt in doppelter Hinsicht: erstens besteht die Gefahr, durch den aufgebauten Druck Bakterien in tiefere Hautschichten zu dr\u00fccken, wo sie\u00a0 abszedieren\u00a0 (eine Ansammlung von Eiter unter der Haut bilden) k\u00f6nnen &#8211; mit der Folge, dass ein Chirurg den Abszess aufschneiden muss, um getreu des hippokratischen Lehrsatzes den Eiter abflie\u00dfen zu lassen. Zweitens besteht die Gefahr einer Einschwemmung der Bakterien in dabei verletzte Blutgef\u00e4\u00dfe. Vor allem im Bereich um die Augen, auf dem Nasenr\u00fccken und auf der Stirn ist dies von Bedeutung, weil der Blutabfluss aus diesen Bereichen \u00fcber die Vena angularis mit den gro\u00dfen Hirnvenen in Verbindung steht, sodass hier\u00fcber eine von dort ausgehende Entz\u00fcndung der Hirnh\u00e4ute\/des Gehirns (Meningitis\/Meningoencephalitis) denkbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz dieses Wissens &#8211; oder gerade mangels seiner Verbreitung &#8211; gibt es fast keinen sozialen Handlungsdruck, einen Pickel nicht auszudr\u00fccken. Im Gegenteil ist der \u00e4sthetische Anpassungsdruck weit gr\u00f6\u00dfer, selbst bei denjenigen, die um der potentiell negativen Auswirkungen ihres Verhaltens wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Zum Schluss<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Beispiele lie\u00dfen sich weiter f\u00fchren &#8211; im Interesse des Schlusses, der zugleich eine Einleitung h\u00e4tte sein sollen, m\u00f6chte ich die weiteren jedoch nur noch auf Bedarf \u00fcber die Kommentare ausf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe ich konnte zeigen, was unter einer Laesio lucri zu verstehen ist; was sie ausmacht: sie ist ein genuin schmerzhaftes Erleben, das wir dennoch als positiv empfinden, dabei aber keinen pathologischen Wert hat, also nicht in einem schadhaften \u00dcberma\u00dfe stattfindet<sup>5<\/sup> &#8211; und was nicht notwendig, aber hinreichend ist, dass wir sie selten reflektieren. Sie ist also ein hedonistisch-utilitaristisches Paradoxon, das uns tagt\u00e4glich begleitet, aber meistens ungesehen bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Abschluss m\u00f6chte ich Alex danken, der sich dieses Thema aus meiner &#8222;Feder&#8220;, aus meinen Augen gesehen, gew\u00fcnscht hat. Ich bin mir sicher, dass er die eine oder andere Formulierung wiedererkannt hat, die er daf\u00fcr ganz treffend \u00fcber hatte. Au\u00dferdem m\u00f6chte er mir nachsehen, dass ich seinen Vorschlag des Namens f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen zu Gunsten der Laesio lucri \u00fcbergangen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>1\u00a0<\/sup>Ich habe lange \u00fcberlegt, ob ich hier Kultur oder Natur schreibe. Angesichts des biochemischen Mechanismus&#8216; (s.o.) halte ich jedoch Natur hier f\u00fcr die treffendere Wahl, auch wenn\u00a0es m\u00f6glicherweise der eine oder andere f\u00fcr streitbar halten mag, gerade angesichts der Integration und Adaptation dieses Verhaltens in einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen.<\/p>\n<p><sup>2\u00a0<\/sup>Der Begriff leitet sich auf Grund der \u00c4hnlichkeit in der Wirkung vom Morphin ab: Endogenes Morphin<\/p>\n<p><sup>3 <\/sup>Gemeinst ist nat\u00fcrlich die reflexartige Aussch\u00fcttung des Botenstoffes im Gehirn<\/p>\n<p><sup>4 <\/sup>Jeder Schmerzreiz vermag prinzipiell zu einer Aktivierung des autonomen Nervensystems f\u00fchren, demzufolge also eine Steigerung der Herzfrequenz, des Blutdruckes und der Schwei\u00dfentwicklung sowie eine erh\u00f6hte Durchblutung von unter Bedrohung von au\u00dfen lebenswichtiger Organe (Herz, Gehirn, Muskulatur, ggf. Haut)<\/p>\n<p><sup>5<\/sup>Es ist vielleicht noch wichtig, dass die Sucht (Rauchen, Alkohol, Medikamente, &#8230;) aus der Definition heraus auch nicht dazu geh\u00f6ren kann. Diese hat einen pathologischen Wert, und die Betroffenen erleben sie nicht als genuin schmerzhaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sind Sie eigentlich Masochist?&#8220; Warum? Schuldbewusst den Schorf abpulen, die Fetzen der Haut um das Nagelbett abrei\u00dfen, gen\u00fcsslich Pickel ausquetschen. All das sind Situationen, in denen wir uns mehr oder minder bewusst selbst verletzen. Dazu kommt eine ganze Reihe weniger &#8222;trivialer&#8220; Dinge. 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