{"id":208,"date":"2014-11-09T23:35:37","date_gmt":"2014-11-09T21:35:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=208"},"modified":"2015-02-15T18:16:48","modified_gmt":"2015-02-15T16:16:48","slug":"die-kafkakasse-oder-ueber-die-gegenstaendlichkeit-der-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=208","title":{"rendered":"Die Kafkakasse, oder: \u00dcber die Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Kontroverse &#8211; das ewige Gespr\u00e4ch<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_276\" aria-describedby=\"caption-attachment-276\" style=\"width: 218px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-R06610_Oswald_Spengler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-276\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-R06610_Oswald_Spengler.jpg\" alt=\"Oswald Spengler; Quelle\" width=\"218\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-R06610_Oswald_Spengler.jpg 583w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Bundesarchiv_Bild_183-R06610_Oswald_Spengler-220x300.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-276\" class=\"wp-caption-text\">Oswald Spengler; <a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/ae\/Bundesarchiv_Bild_183-R06610,_Oswald_Spengler.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Miteinander (allzu-)freier Geister, zumal in der Vertrautheit &#8222;enger\u00a0Kreise&#8220; &#8211; wie sich mit einem Wort Oswald Spenglers vom small talk emanzipierte Kollektive bezeichnen lassen\u00a0-, regt\u00a0bisweilen zum diskursiven Bramarbasieren ein,\u00a0zum Widerspruch um seiner selbst willen. Diese Eigenschaft intellektueller Scharm\u00fctzel ist eine janusk\u00f6pfige, die ich als das &#8222;ewige Gespr\u00e4ch&#8220; betiteln m\u00f6chte. In diesem Ausdruck kulminiert die Aporie des Ideals ewigen Diskurses und die praktische\u00a0Uferlosigkeit der freien Disputation.\u00a0Der Ausdruck wird von Carl Schmitt ins Feld gef\u00fchrt, um eine grunds\u00e4tzliche Kritik liberaler Kulturformen zu erm\u00f6glichen:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Idee des ewigen Gespr\u00e4chs soll die Romantik als einen Ausdruck der b\u00fcrgerlichen, liberalen Entscheidungsflucht entlarven, als den Versuch, jede Dezision in blo\u00dfe Diskussion aufzul\u00f6sen&#8220;. (nach Christian Graf von Krockow)<\/p><\/blockquote>\n<figure id=\"attachment_278\" aria-describedby=\"caption-attachment-278\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/cs4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-278\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/cs4.jpg\" alt=\"Carl Schmitt; Quelle\" width=\"271\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/cs4.jpg 345w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/cs4-300x246.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-278\" class=\"wp-caption-text\">Carl Schmitt; <a href=\"http:\/\/akj.rewi.hu-berlin.de\/zeitung\/05-1\/grafik\/cs4.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dem ewigen Gespr\u00e4ch als Entscheidungsflucht steht indes das authentische Ideal eines\u00a0biographischen\u00a0Narrativs. So ist die Sinnstiftung, die Frage nach der Bedeutung des individuellen Daseins, eine genuin biographische. Wie Cooleys\u00a0looking-glass-effect anzeigt, steht hierbei zumeist die Gegenwart einer intrinsisch projizierten oder &#8211; wie im Falle des ewigen Gespr\u00e4chs &#8211; wahrhaftigen Erz\u00e4hlung zur Disposition. Mit anderen Worten: Das ewige Gespr\u00e4ch, die best\u00e4ndig-endlose Diskussion unter Gleichgesinnten, mag eben das intersubjektive Fundament des je eigenen Weltbildes offerieren. Es ist das Ma\u00df f\u00fcr Bestand, Wandel und insbesondere Fort- sowie\u00a0R\u00fcckschritt; insofern ist das ewige Gespr\u00e4ch poetisch eindringlich\u00a0durch folgendes Gedicht Wolf Biermanns exemplifiziert:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/To9Ul-6L7tM\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Relevanz dieser Vorrede ergibt sich nun daraus, dass f\u00fcr das Folgende atmosph\u00e4risch relevant ist, dass es sich um eine Apologie, eine Gegenrede oder eine Tirade, gewiss jedoch eine Brandrede handelt. Sie findet ihren Wert darin, dass eine Front bezogen wird, um aus dem besagten\u00a0Scharm\u00fctzel heraus eine Entscheidungsschlacht zu erzwingen: Das ewige Gespr\u00e4ch mit einem rhetorischen Schweigen zu erwidern. Ihr Thema ist die Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Autorit\u00e4t des Wahrnehmungsglaubens<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gottfried Wilhelm Leibniz&#8216; Frage &#8222;Warum gibt es etwas und nicht vielmehr nichts?&#8220; ist eine Grundfrage der\u00a0Ontologie. Sie dr\u00fcckt den Zweifel am Bestand des Seins, oder &#8211; mit Martin Heidegger &#8211; des Seienden aus. Als Frage ist sie also ein performativer Akt, wer sie ausspricht\u00a0stellt die Welt in Frage. In diesem Sinne kann diese Frage nicht ausschlie\u00dflich aus einer neutralen Beobachterperspektive aufgegriffen werden, denn der Zweifel bezieht sich zugleich auf die Autorit\u00e4t der Wahrnehmung von der Welt. Sie l\u00e4sst sich gleichsam folgenderma\u00dfen erg\u00e4nzen: Warum soll ich von etwas ausgehen und nicht vielmehr von nichts? Die Grundhaltung dieses Fragens ist apriorisch transzendental, sie spart den selbstreflexiven Zweifel aus: Cogito ergo sum.<\/p>\n<figure id=\"attachment_286\" aria-describedby=\"caption-attachment-286\" style=\"width: 257px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-286\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg\" alt=\"Maurice Merleau-Ponty; Quelle\" width=\"257\" height=\"306\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/img128946-252x300.jpg 252w\" sizes=\"auto, (max-width: 257px) 100vw, 257px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-286\" class=\"wp-caption-text\">Maurice Merleau-Ponty; <a href=\"http:\/\/www.aerzteblatt.de\/bilder\/2008\/04\/img128946.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hier vertretene Position misstraut dem Sinn diesen Fragens. Erstens ist die prim\u00e4re Stellung des Beobachters in der Welt fragw\u00fcrdig, zweitens l\u00e4sst sich die Betrachtungsrichtung invertieren: Warum bin \u00fcberhaupt ich und nicht vielmehr nichts? Der Ansatzpunkt hierzu ist, was Maurice Merleau-Ponty in &#8222;Das Sichtbare und das Unsichtbare&#8220; (1964) den &#8222;Wahrnehmungsglauben&#8220; nennt:<\/p>\n<blockquote><p>Das, was ich sehe, geh\u00f6rt mir nicht im Sinne einer privaten Welt. Der Tisch ist fortan der Tisch, selbst meine perspektivischen Ansichten von ihm, die an die Position meines Leibes gebunden sind, haben am Sein teil und nicht an mir selbst; selbst jene Aspekte des Tisches, die an meine psychophysische Konstitution gebunden sind &#8211; seine einzigartige Farbe, wenn ich farbenblind bin und der Tisch rot angestrichen ist -, haben noch teil am System der Welt. Von meiner Wahrnehmung geh\u00f6ren mir nur ihre L\u00fccken. (S. 84)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, was wir als das Subjekt bezeichnen, steht unmittelbar zur Welt\u00a0&#8211;\u00a0die Konstruktion\u00a0psychophysischer Mechanismen der Wahrnehmung und Erkenntnis ist mittelbar: nicht umgekehrt. Die Crux dieser Auffassung ist also, dass wir zun\u00e4chst in der Welt sind und erst dann zu ihr. Ren\u00e9 Descartes&#8216; methodischer Zweifel an allem, was uns erscheint, ist also nur intuitiv plausibel. Ihm l\u00e4sst sich mit Merleau-Ponty entgegenhalten, dass &#8222;[d]as Reale koh\u00e4rent [ist] und wahrscheinlich, weil es real ist, und nicht real, weil es koh\u00e4rent ist&#8220;. In anderen Worten: In der Wahrnehmung erscheint uns die Welt, wir konstruieren sie nicht &#8211; allenfalls gibt es eine imaginative Zutat unsererseits. Wichtig ist, dass hiermit eben keinem naiven Empirismus das Wort geredet wird:<\/p>\n<blockquote><p>Sicherlich gibt [die Gegenwart der ganzen Welt] zu Irrtum oder Illusion, und manchmal schlie\u00dft man daraus, sie k\u00f6nne somit nicht naturgegeben sein, und das Reale sei schlie\u00dflich nur das am wenigsten Unwahrscheinliche oder das am meisten Wahrscheinliche. Das bedeutet aber, das Wahre durch das Falsche, das Positive durch das Negative zu denken, und damit wird die Des-Illusionierung, aufgrund derer wir \u00fcberhaupt erst mit der Fragilit\u00e4t der Wirklichkeit bekannt werden, ziemlich schlecht beschrieben. Denn wenn sich eine Illusion aufzul\u00f6sen beginnt, wenn eine Erscheinung pl\u00f6tzlich platzt,so tut sie dies immer zugunsten einer neuen Erscheinung, die ihrerseits die ontologische Funktion der ersteren \u00fcbernimmt. (S. 63)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Skeptisch mag hier erneut an der Gewissheit der Erscheinung gezweifelt werden, die auf die Desillusionierung gefolgt ist, zumal sie den ontologischen Status blo\u00df \u00fcbernimmt. Dieser Gedanke beruht allerdings erneut auf einem transzendentalen Standpunkt, der vom Bestand des Subjekts vor und unabh\u00e4ngig jeder Weltwahrnehmung \u00fcberzeugt ist. Merleau-Ponty kritisiert diesen Standpunkt der sogenannten Reflexionsphilosophie, f\u00fcr die &#8222;die Welt nur deshalb unser Geburtsort ist, weil wir zuvor als Geist die Wiege der Welt sind&#8220; (S. 54). Was damit gemeint ist, ist die popul\u00e4re \u00dcberzeugung, unsere Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt unterstehe einer konstruktiven Ver\u00e4nderung durch die Unterschiede, die zwischen den Individuen best\u00fcnden. Die authentische, pr\u00e4reflexive Gegebenheit der Welt widerspricht diesem mentalistischen Konstruktivismus jedoch vehement:<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt eine Pr\u00e4existenz der Welt gegen\u00fcber unserer Wahrnehmung, eine Pr\u00e4existenz der Aspekte der Welt, die ein Anderer wahrnimmt, gegen\u00fcber meiner eigenen sp\u00e4teren Wahrnehmung derselben Welt, eine Pr\u00e4existenz meiner Welt gegen\u00fcber der Welt meiner Nachfahren, und all diese &#8222;Welten&#8220; bilden eine einzige Welt [&#8230;]. Meine eigene Wahrnehmung der Welt und die Weltwahrnehmung eines anderen Menschen sind in allem, was sie bedeuten, ein und dieselbe, obwohl unsere Leben nicht vergleichbar sind; denn die <strong>Bedeutung<\/strong> und der Sinn &#8211; als innere Ad\u00e4quation, als Beziehung von sich zu sich, als reine Innerlichkeit und totale Offenheit zugleich &#8211; steigen niemals zu uns herab, die wir einer Perspektive unterworfen sind, wir sind in dieser Eigenschaft niemals uns selbst ein Licht, und auf diese Weise treffen all unsere Wahrheiten als Wahrheiten zusammen und bilden von Rechts wegen ein einziges System. (S. 71f)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss gibt es einen Primat der Erkenntnis der Welt f\u00fcr das jeweilige Subjekt, doch eben nicht des Inhalts dieser Erkenntnis, ihrer Bedeutung. Die Welt verh\u00e4lt sich zu uns nur in einer Weise &#8211; als Wahrheit. In dem Moment jedoch, in dem die transzendentale Trennung zwischen dem cogito und seinem Objekt hinf\u00e4llig wird, ist die Welt von kategorischem Zweifel befreit und das Subjekt als Element der Welt rehabilitiert. Unser Leib, unsere Gedanken und unsere Biographie bed\u00fcrfen keines Zwitterstatus zwischen\u00a0res cogitans und res extensa mehr, sondern sind an sich. Was dabei von der apriorischen Existenz des cogito verbleibt, ist das Nichts der eingangs gestellten Frage. Das koh\u00e4rente Sein der Welt ist erst f\u00fcr &#8211; in Merleau-Pontys Worten &#8211; die &#8222;Negintuition&#8220; dieser selbst, d. h. die Anomalie der Erkenntnis steht nicht au\u00dferhalb der Welt: Alles Erkennen ist in der Welt; der Erkennende grenzt seine Wahrnehmung jedoch von etwas ab, das nicht in der Welt ist, etwas Inexistentem, dem Nichts. Die Einheit der Welt erscheint uns somit als Kontrast des Seienden zum Nichts unser Selbst &#8211; ein Nichts, das ein Epiph\u00e4nomen dem Sein immanenter Vorg\u00e4nge ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Die Kafkakasse<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_123\" aria-describedby=\"caption-attachment-123\" style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-123\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\" alt=\"Edmund Husserl; Quelle\" width=\"256\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg 419w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900-228x300.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123\" class=\"wp-caption-text\">Edmund Husserl; Quelle<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberlegung, eine &#8222;platzende Erscheinung&#8220; im obigen Sinne verweise darauf, dass es eine Referenz der Erkenntnis auf eine tats\u00e4chliche Essenz der Welt gebe, die stets verfehlt werden m\u00fcsse, d. h. eine Reintegration des mentalistischen Relativismus in den dargestellten Realismus, beruht auf einer entscheidenden Fehlannahme. Edmund\u00a0Husserls Prinzip aller Prinzipien der Ph\u00e4nomenologie\u00a0sagt aus, &#8222;da\u00df jede origin\u00e4r gebende Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei&#8220;. In anderen Worten: Das Regulativ f\u00fcr unser Erleben der Welt ist nicht die Imagination eines wahren Urgrunds der Wahrnehmung &#8211; dies&#8216; ist nicht mehr als ein Erf\u00fcllungsideal. Das Erlebnis der Welt im Vollzug\u00a0ist durch die Dinge geformt, die uns erscheinen: &#8222;Die Des-illusion ist nur deshalb Verlust einer Evidenz, weil sie Erwerb einer <em>anderen Evidenz<\/em> ist&#8220; (Merleau-Ponty, S. 63). Die Wahrheit des Seins ist gleichsam keine bin\u00e4re Zuordnung von Tatsache und Intellekt, sondern genuin standpunktabh\u00e4ngig:<\/p>\n<blockquote><p>Ich glaubte auf dem Sand ein durch Meerwasser gegl\u00e4ttetes St\u00fcck Holz zu sehen, aber es war eine Klippe aus Tonstein. Das Platzen und Nichtigwerden der ersten Erscheinung berechtigt mich nicht, das &#8222;Reale&#8220; fortan als das schlicht Wahrscheinliche zu definieren, denn dies sind nur andere Namen f\u00fcr die neue Erscheinung, die in unserer Analyse der Des-illusionierung vorkommen muss. (Ebd.)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Glaube, ein St\u00fcck Holz zu erblicken, ist situativ nicht falsch gewesen, als er urspr\u00fcnglich aufkam. Das Ph\u00e4nomen mag ein unzureichend wahrgenommener Gegenstand gewesen sein, der die Eventualit\u00e4t zugelassen hat, Holz zu sehen. F\u00fcr den ersten Standpunkt ist ein St\u00fcck Holz also gleichbedeutenden mit der Klippe aus Tonstein, denn die Vermutung eines St\u00fcckes Holz ist blo\u00df Resultat der tats\u00e4chlichen Impression, nicht die Impression selbst. Wichtig ist, dass durch den Standpunktwechsel nichts anderes als die tats\u00e4chliche Bedeutung der Welt erscheinen konnte. Zwar mag die Imagination den falschen Eindruck zun\u00e4chst aufrechterhalten haben, doch das Korrektiv der &#8222;origin\u00e4r gebenden Anschauung&#8220; l\u00e4sst nur eine neue Evidenz zu: &#8222;aber was keine Meinung ist und was jede Wahrnehmung, auch eine falsche, best\u00e4tigt, das ist die Zugeh\u00f6rigkeit jeglicher Erfahrung zu derselben Welt, ihr gleichrangiges Verm\u00f6gen, diese Welt durch M\u00f6glichkeiten derselben Welt zu offenbaren&#8220; (S. 64).<\/p>\n<figure id=\"attachment_288\" aria-describedby=\"caption-attachment-288\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/kafka.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-288\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/kafka-1024x767.jpg\" alt=\"Franz Kafka; Quelle\" width=\"293\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/kafka-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/kafka-300x224.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/kafka.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 293px) 100vw, 293px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-288\" class=\"wp-caption-text\">Franz Kafka; <a href=\"http:\/\/paraisocultural.files.wordpress.com\/2013\/08\/kafka.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine eindr\u00fcckliche Illustration dieser Vorstellung findet sich in Franz Kafkas &#8222;Der Verschollene&#8220; (1927 als &#8222;Amerika&#8220; erschienen):<\/p>\n<blockquote><p>Am Fenster sa\u00df an einem Schreibtisch, den R\u00fccken der T\u00fcre zugewendet ein kleinerer Herr, der mit gro\u00dfen Folianten hantierte, die auf einem starken B\u00fccherbrett in Kopfh\u00f6he vor ihm nebeneinandergereiht waren. Neben ihm stand eine offene wenigstens auf den ersten Blick leere Kassa. (S. 19)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reflexionsphilosophisch kann der Ausdruck &#8222;auf den ersten Blick leer&#8220; nur als ein Eingest\u00e4ndnis mangelnden Einsichtsverm\u00f6gen in die Beschaffenheit der Welt verstanden werden &#8211; in der epistemischen Situation des Protagonisten fehlt die Einsicht in die tats\u00e4chliche Verfassung\u00a0seiner Umwelt. Die literarische Atmosph\u00e4re, die hier jedoch tats\u00e4chlich geschaffen wird, ersch\u00f6pft sich nicht in skeptischem Relativismus. Wenn im Moment der Beschreibung abgesehen vom Protagonisten niemand der Kasse Beachtung schenkt, ist sie tats\u00e4chlich mehr nicht als auf den ersten Blick leer, ansonsten ist sie zumindest f\u00fcr den Protagonisten in diesem Zustand. Eine Aussage, die in ihrem Mangel an Pr\u00e4zision und der D\u00fcrftigkeit ihres Informationsgehalts wiedergibt, was dem Menschen zu einem koh\u00e4renten Erleben seiner Welt ausreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Annahme eines transzendentalen Standpunkts des cogito au\u00dferhalb der Welt spiegelt ein hypertrophes Kontrollbed\u00fcrfnis und die Sehnsucht nach einer unbeschriebenen F\u00fclle an Informationen der plastischen Realit\u00e4t wider. Das Sein jedoch ist erst in Abgrenzung zum Nichts als Resultat des Standpunkts subjektiver Anschauung. Die Eventualit\u00e4t, durch einen Standpunktwechsel k\u00f6nne die Evidenz, die Kasse sei auf den ersten Blick leer, zerplatzen, ist ein pr\u00e4gendes Element der Erlebnisweise des Menschen. Aus ihr selbst heraus ist die besagte Kasse jedoch nicht mehr &#8211; und das ist entscheidend, denn mit der Aussage, sie sei auf den ersten Blick leer, ist kein Entwurfstatus der Erkenntnis bezeichnet, der sich an der Objektivit\u00e4t zu relativieren hat. Die Koh\u00e4renz der Welt bleibt in der Anschauung stets garantiert. Das erkennende Erleben vollzieht sich nicht im best\u00e4ndigen Entdecken und Verwerfen von einer vorgegebenen, unendlich komplexen externen Realit\u00e4t. Das Subjekt vollzieht die Welt setzende Akte, in denen er sich den Gegenst\u00e4nden\u00a0zuwendet, die ihm erscheinen &#8211; die Bedeutung dieser Akte entstammt allerdings den Dingen selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu argumentieren, die dargestellte Form des Realismus erlaube dem Halluzinierenden, seine Wahnvorstellungen f\u00fcr die Wirklichkeit zu erkl\u00e4ren, verkennt, dass er sich den erscheinenden Ph\u00e4nomenen\u00a0nicht zuwendet, \u00a0sondern halluziniert. Wendet er sich seinen Mitmenschen zu, halluziniert er zumindest den Bestand des Anderen nicht mehr. Gewiss ist es ein valides Argument, dass Behauptungen \u00fcber das Da- oder Sosein eines Seienden nicht stets intuitiv entschieden werden k\u00f6nnen. Die epistemologische Auseinandersetzung mit der Halluzination ist deswegen nicht irrelevant. Die Realit\u00e4tspr\u00fcfung erfolgt indessen einzig \u00fcber den Wahrnehmungsglauben, der sich an der Erscheinung der Welt relativiert. Es bedarf keiner Interaktion mit Anderen, um in der Welt zu sein, denn die Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wirklichkeit wendet sich uns als ihrem Element best\u00e4ndig und koh\u00e4rent zu. Allen Zweiflern ist entgegenzuhalten:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">[D]er Pyrrhonismus ist hinreichend zur\u00fcckgewiesen, wenn man zeigt, da\u00df es eine strukturelle Differenz, sozusagen eine Kerndifferenz gibt zwischen der Wahrnehmung oder dem wahren Sehen, das eine offene Reihe \u00fcbereinstimmender Erkundungen zul\u00e4\u00dft, und dem Traum, der nicht <strong>beobachtbar<\/strong> ist und bei genauerem Hinsehen fast nur aus L\u00fccken besteht. (Merleau-Ponty, S. 20)<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kontroverse &#8211; das ewige Gespr\u00e4ch Das Miteinander (allzu-)freier Geister, zumal in der Vertrautheit &#8222;enger\u00a0Kreise&#8220; &#8211; wie sich mit einem Wort Oswald Spenglers vom small talk emanzipierte Kollektive bezeichnen lassen\u00a0-, regt\u00a0bisweilen zum diskursiven Bramarbasieren ein,\u00a0zum Widerspruch um seiner selbst willen. Diese Eigenschaft intellektueller Scharm\u00fctzel ist eine janusk\u00f6pfige, die ich als das &#8222;ewige Gespr\u00e4ch&#8220; betiteln m\u00f6chte. In &hellip; <a href=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=208\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die Kafkakasse, oder: \u00dcber die Gegenst\u00e4ndlichkeit der Wirklichkeit<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,4],"tags":[],"class_list":["post-208","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sinn","category-strittiges"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=208"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":418,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions\/418"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}