{"id":148,"date":"2014-10-05T14:26:49","date_gmt":"2014-10-05T12:26:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=148"},"modified":"2014-10-12T19:15:49","modified_gmt":"2014-10-12T17:15:49","slug":"gedanken-zur-deutschen-einheit-von-der-mauer-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=148","title":{"rendered":"Gedanken zur deutschen Einheit &#8211; von der Mauer im Kopf"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Seit Jahren pumpen wir das Geld r\u00fcber und hier verf\u00e4llt alles.&#8220; Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte.<\/p>\n<figure style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/52\/Thefalloftheberlinwall1989.JPG\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/52\/Thefalloftheberlinwall1989.JPG\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"196\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie 1989<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau obigen\u00a0Satz jedoch h\u00f6rte ich heute auf meiner Reise von Northeim nach Leipzig im Zug, gesprochen aus einer Gruppe von Frauen. Nach meinem nun schon vier Jahre andauernden Wahlexil in den neuen Bundesl\u00e4ndern und geboren nach dem Fall der Mauer (wenn auch knapp vor der gesetzm\u00e4\u00dfigen Wiedervereinigung, die vorgestern ihr 24. Jubil\u00e4um feierte) f\u00fchle ich mich als Kind der deutschen Einheit. Die physische Teilung Deutschlands, wie es unter Preu\u00dfen erst von Bismarck geschaffen wurde und es nach 1945 die\u00a0Alliierten festlegten, ist f\u00fcr mich nur noch ein abstraktes Konzept, das ich nicht l\u00e4nger zu greifen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Mauern in K\u00f6pfen<\/em><\/strong><\/p>\n<figure style=\"width: 241px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/22\/Wm_james.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/22\/Wm_james.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"327\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">William James, amerikanischer Philosoph und Pragmatiker<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mir nicht fremd ist, ist die Mauer in den K\u00f6pfen der Menschen um mich herum. So bei den Damen vom Kaffeekr\u00e4nzchen im Zug: Sie f\u00fchrten mich zur\u00fcck auf eine\u00a0Beobachtung von William James. Er stellt in seinem Buch &#8222;Pragmatism: A New Name for Some Old Ways of Thinking&#8220; (1907) heraus, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an vorgefassten Vorstellungen und Regeln dar\u00fcber hat, wie die Welt sich zusammensetzt und wie die Welt funktioniert (ich vermeide hier bewusst den Begriff des Vorurteils, da es nicht die Tragweite des hier gemeinten erfasst, auch wenn es vermutlich die bestm\u00f6gliche \u00dcbersetzung w\u00e4re). Diese Vorstellungen konserviere nun ein jedes Individuum bis zum \u00e4u\u00dfersten; d.h. neu gewonnene Eindr\u00fccke werden entweder in das bestehende System als regelkonform eingearbeitet (und daf\u00fcr die Eindr\u00fccke bei Bedarf auch &#8222;verzerrt&#8220; und &#8222;verbogen&#8220;) oder bei mangelnder Kompatibilit\u00e4t die bestehenden Regeln in so geringem Umfang wie m\u00f6glich ver\u00e4ndert (und nur in Ausnahmesituationen Regeln durch neue ersetzt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun kommt die Frage auf: Was hat James mit der Frau im Zug und der deutschen Einheit zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Von Ossis und Wessis<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Einen ihre vorgefertigte Denkweise, ihre Regeln dar\u00fcber, wie die Welt zu funktionieren habe; Sie hat ein stereotypisches Bild eines &#8222;Wessis&#8220; in ihrem Denken und diesem Satz zum Ausdruck gebracht: ein latentes Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit \u00fcber die &#8222;Ossis&#8220;, &#8222;die da dr\u00fcben&#8220;, die anscheinend nicht in der Lage w\u00e4ren trotz Unsummen eine alleinst\u00e4ndige Wirtschaft aufzubauen &#8211; also auf die Hilfe des &#8222;gro\u00dfen Bruders&#8220; Westdeutschland angewiesen zu sein scheinen &#8211; und den &#8222;Unrechtsstaat&#8220; zu unrecht (oder unter falscher Pr\u00e4misse) verteidigten. Dar\u00fcber hinaus kommt hier ein kindisches d\u00fcrsten nach Aufmerksamkeit zum Ausdruck: Das Gef\u00fchl \u00fcber die ganze F\u00fcrsorge dem Sorgenkind, dem Nesth\u00e4kchen &#8222;Neue Bundesl\u00e4nder&#8220;, gegen\u00fcber, nicht gesehen zu werden, obwohl man doch so bem\u00fcht und flei\u00dfig um die Aufmerksamkeit des Vaters (das ist: der Staat) gebuhlt hatte, w\u00e4hrend man noch f\u00fcr &#8222;den Kleinen&#8220; mit gesorgt hat.<\/p>\n<figure style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.titanic-magazin.de\/uploads\/pics\/card_377670833.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.titanic-magazin.de\/uploads\/pics\/card_377670833.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"253\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-caption-text\">Stereotype Satire des &#8222;Ossis&#8220;, Titanic Magazin, Ausgabe 11\/1989<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist die Frau in keiner Weise dem &#8222;Ossi&#8220; \u00fcberlegen, der sich \u00fcber die hoch gestellte Nase des &#8222;Wessis&#8220; \u00e4rgert, der in den Augen des &#8222;Ossis&#8220; meint, sich alles erlauben zu k\u00f6nnen, nur weil er das von Anfang an (gemeint ist 1990) einfachere Leben hatte. Zugleich h\u00f6rt man nicht selten von solchen Vertretern S\u00e4tze wie &#8222;In der DDR hatten wir noch richtigen Zusammenhalt&#8220;, oder: &#8222;Bei uns hatte ja jeder ein Grundrecht auf Arbeit!&#8220; Und nicht selten sind es diejenigen, deren k\u00f6rperliche und geistige Ausstattung nicht darauf ausgelegt war, in einem darwinistischen System, wie es auch die soziale Marktwirtschaft ist, erfolgreich zu sein. Hier kommt ein unberechtigter Neid, in gleicher Analogie zur Familie wie oben, auf den erfolgreichen &#8222;gro\u00dfen Bruder&#8220; zum Ausdruck &#8211; unter der irrigen Annahme, er habe ein erfolgreiches Leben ohne Widerst\u00e4nde und Probleme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide sind Ausdruck der selben Mauer im Kopf, von der James sprach. Ihre vorgefertigten Regeln, Vorstellungen, ja Vorurteile, bestimmen ganz wesentlich, wie sie die Welt sehen &#8211; und mangels eines Eindruckes, der ihre Regeln zu Fall bringen muss, weil er ein so eindringliches Moment hat, laufen sie damit bis an ihr Lebensende durch die Weltgeschichte. Nun will ich jedoch nicht sagen, dass dies der alleinig betroffene Schlag Menschen w\u00e4re, es ist viel mehr universales Prinzip unserer Funktionsweise, damit auch fester Bestandteil unserer Natur &#8211; und hier lediglich in seiner negativen Form besonders sichtbar. Man sollte dies jedoch immer im Hinterkopf behalten, erst recht, wenn man eine Situation erlebt, die unsere eigenen Regeln \u00fcber die Funktion der Welt in Frage stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Vom Nutzen der Geographie<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Anderen\u00a0verbog sich die Frau die Situation, in der sie sich befand, damit diese ihrer Wirklichkeit entsprach (wenn ich auch mutma\u00dfen muss, dass dies unbewusst oder zumindest fahrl\u00e4ssig geschah).<\/p>\n<figure style=\"width: 256px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/e\/e2\/OrteliusWorldMap1570.jpg\/300px-OrteliusWorldMap1570.jpg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"174\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Historische Weltkarte, Abraham Ortelius, 1570<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu wichtig die\u00a0folgende Schilderung der Umst\u00e4nde: Einfahrt in einen Bahnhof, der aktuell offensichtlich renoviert wird. Dabei wurde alles runderneuert, von den Pflastersteinen des Bahnsteiges bis zu Schildern und Unterst\u00e4nden. Daraufhin stellte sie das Offensichtliche fest und \u00e4u\u00dferte sich in ihrem Redefluss sinngem\u00e4\u00df dahingehend, dass hier (gemeint war: der Osten) ja jetzt alles h\u00fcbsch gemacht werde und zuhause (gemeint war: der Westen) alles verfalle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4tte sie sich ein wenig besser geographisch ausgekannt &#8211; oder h\u00e4tte sie das Schild am Bahnsteig gelesen &#8211; h\u00e4tte sie bemerkt, dass es sich noch um einen nieders\u00e4chsischen Bahnhof handelt. Dies tut ihrem Standpunkt nichts zur Sache und w\u00fcrde sie mit Sicherheit nicht in ihrer Grundvorstellung umstimmen, illustriert aber recht\u00a0am\u00fcsant, welche Ausw\u00fcchse die Anpassung der Realit\u00e4t in unserer Wahrnehmung haben kann. Und von welchem Nutzen zumindest rudiment\u00e4re Kenntnisse der Geographie sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Mauerfall<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor \u00fcber 25 Jahren nun begann die Geschichte der Wiedervereinigung Deutschlands. Es ging dabei nicht einmal von Anfang an um die Aufl\u00f6sung der DDR oder um die Angliederung an den Westen. Das Ziel war es, an den wideren \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden des Lebens in der DDR etwas zu ver\u00e4ndern &#8211; und am Ende fiel die Mauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitaus schwieriger nun ist es, an den eigenen Mauern zu arbeiten. An den Vorstellungen, Vorurteilen, Regeln, nach denen man lebt. Es verlangt Klugheit, Tapferkeit und Ma\u00df, also gleich drei Kardinaltugenden, diejenigen zu erkennen, die man ver\u00e4ndern oder einrei\u00dfen sollte, und noch mehr Urkraft, neue an ihrer Statt zu errichten. Und das ist beileibe kein einfaches Unterfangen. Aber es ist ein lohnendes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn wenn jeder einzelne Mensch nun versucht, die bestm\u00f6gliche Form seiner Selbst zu werden, w\u00e4re die Welt &#8211; mit Erich K\u00e4stner gesprochen &#8211; wahrhaftig ein besserer Ort. Und selbst wenn nicht, ist die Genugtuung der Selbst\u00fcberwindung\u00a0Lohn und Reichtum f\u00fcr ein ganzes Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Seit Jahren pumpen wir das Geld r\u00fcber und hier verf\u00e4llt alles.&#8220; Ein Satz, der den Sprechenden entlarvt als jemanden, bei dem die Mauer noch nicht gefallen ist. Und nur in Teilen meine ich damit die Mauer, die einst Deutschland in Trizonesien und SBZ teilte. 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