{"id":117,"date":"2014-10-04T05:51:36","date_gmt":"2014-10-04T03:51:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/?p=117"},"modified":"2014-10-13T15:45:05","modified_gmt":"2014-10-13T13:45:05","slug":"ruminationen-zum-waldgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/?p=117","title":{"rendered":"Ruminationen zum Waldgang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Wald nimmt<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_122\" aria-describedby=\"caption-attachment-122\" style=\"width: 261px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/1007134-Marcel_Mauss.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-122\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/1007134-Marcel_Mauss.jpg\" alt=\"Marcel Mauss; Quelle\" width=\"261\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/1007134-Marcel_Mauss.jpg 290w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/1007134-Marcel_Mauss-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 261px) 100vw, 261px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-122\" class=\"wp-caption-text\">Marcel Mauss; <a href=\"http:\/\/www.larousse.fr\/encyclopedie\/data\/images\/1007134-Marcel_Mauss.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Beziehung zwischen Waldg\u00e4nger und Wald ist asymmetrisch, der lustwandelnde Geist gibt, der Wald nimmt &#8211; nicht dankbar, doch duldsam. Die Gabe ist allerdings\u00a0nach klassischem ethnologischem Verst\u00e4ndnis eine latent reziproke Interaktion: ob Geschenk oder Dienstleistung, \u00a0dass die Gabe erwidert wird, l\u00e4sst sich gemeinhin erwarten. Diese Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit l\u00e4sst sich mit der ann\u00e4hernden Gewissheit einer anthropologischen Universalia annehmen, wie Marcel Mauss empirisch in seinem &#8222;Essai sur le don&#8220; (1923) nachgewiesen zu haben meinte.\u00a0Selbstredend kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Waldg\u00e4nger tats\u00e4chlich eine Erwiderung seiner Gabe erwartete, um dann von der Regungslosigkeit des Waldes entt\u00e4uscht zu werden. Vielmehr soll Mauss&#8216; Beobachtung zum Anlass genommen werden, um an dieser Stelle danach zu fragen, was sich der Waldg\u00e4nger vom Wald nimmt, um dem benannten Bed\u00fcrfnis der Gegenseitigkeit gerecht zu werden. Mehr noch soll hier aber das Ph\u00e4nomen des Waldgangs ausdr\u00fccklich als unterschieden von dem blo\u00dfen Spaziergang, der leiblichen Ert\u00fcchtigung und dem Ausflug ins Gr\u00fcne exploriert werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_123\" aria-describedby=\"caption-attachment-123\" style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-123\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg\" alt=\"Edmund Husserl; Quelle\" width=\"271\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900.jpg 419w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Edmund_Husserl_1900-228x300.jpg 228w\" sizes=\"auto, (max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123\" class=\"wp-caption-text\">Edmund Husserl; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edmund_Husserl#mediaviewer\/File:Edmund_Husserl_1900.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gabe beim Waldgang ist immaterieller Form. Weil es sich beim Wald im Gegensatz zu Orten der Kultur um einen symbolfreien Raum handelt, stiftet der Waldg\u00e4nger aus der\u00a0reinen Introspektion heraus den Sinn der Orte, die er auf seinem Weg passiert; er schafft eine r\u00e4umliche Sph\u00e4re, in der sich sein Narrativ frei etablieren kann &#8211; fern aller kulturellen Pr\u00e4gung und den Z\u00e4suren des Alltags, wie Stra\u00dfenschildern, Reklame oder gar Mitmenschen. Die Rolle des Waldes ist hierbei jedoch nicht passiv, also nicht vergleichbar mit den geschlossenen Augen als N\u00e4hrboden der Phantasie. Selbige\u00a0l\u00e4sst sich mit Edmund Husserl durch drei Gesichtspunkte kennzeichnen: Proteusartigkeit, Diskontinuit\u00e4t und das Intermittieren. Proteusartig ist sie angesichts des st\u00e4ndigen Wechsels ihrer Bilder, \u00a0diskontinuierlich, weil der Wechsel ihrer Bilder auch abrupt erfolgen kann, und intermittierend durch fl\u00fcchtige, verschwindende und wiederkehrende Pr\u00e4sens. Der Waldgang widerspricht diesen drei Punkten wesentlich, denn die Einheitlichkeit der Atmosph\u00e4re und Kontinuit\u00e4t des sensuellen Eindrucks erzeugen eine thematische Totalit\u00e4t, die Konvergenz des Gedankens. Der Wald wirkt als\u00a0das stabilisierende Medium des Gedankengangs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Das Sichtbare und das Unsichtbare<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_126\" aria-describedby=\"caption-attachment-126\" style=\"width: 272px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Jose_Ortega_y_Gasset.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-126\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Jose_Ortega_y_Gasset.jpg\" alt=\"Jos\u00e9 Ortega y Gasset; Quelle\" width=\"272\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Jose_Ortega_y_Gasset.jpg 366w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Jose_Ortega_y_Gasset-232x300.jpg 232w\" sizes=\"auto, (max-width: 272px) 100vw, 272px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-126\" class=\"wp-caption-text\">Jos\u00e9 Ortega y Gasset; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jos\u00e9_Ortega_y_Gasset#mediaviewer\/File:Jose_Ortega_y_Gasset.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht zu sehen, ist kaum anders m\u00f6glich. Bereits\u00a0Jos\u00e9 Ortega y Gasset ging in seinen &#8222;Meditaciones del Quijote&#8220; (1914) auf den Umstand ein, dass der Wald im selben\u00a0Moment, in dem er visuell\u00a0zu fixieren versucht wird, dem Baume weicht. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich auf den Wald nur auf der Landkarte oder von Ferne zeigen, w\u00e4hrend sich\u00a0die Begegnung mit dem Wald\u00a0nie bewusst ereignet.\u00a0Zugleich handelt es sich allerdings nicht um einen gew\u00f6hnlichen Fall eines abstrakten Kollektivbegriffs, denn der Wald l\u00e4sst sich im Waldgang konkret erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag dabei sogar gelten, dass der Wald selbst nur f\u00fcr den Waldg\u00e4nger und nicht an\u00a0dem Kollektiv seiner B\u00e4ume ist. Zwar l\u00e4sst sich botanisch\u00a0von Kuriosit\u00e4ten wie Rhizomen und Eusymbiosen sprechen, doch konstituiert die vegetative\u00a0Abh\u00e4ngigkeit organischer Systeme noch keinen Wald. Als symbolfreier Raum &#8211; und hier ist es wichtig, dass er nicht frei von Symbolen\u00a0ist wie er es von\u00a0Geb\u00e4uden ist &#8211;\u00a0wird der Wald als Raum erst zum Ort, d. h. zum individuierten und eindeutigen Platz, f\u00fcr den Waldg\u00e4nger, indem dieser sich in den Wald durch ihn defillierend hineindenkt oder -tr\u00e4umt. In anderen Worten ist der Wald zun\u00e4chst und wesentlich\u00a0zum Symbol des Waldg\u00e4ngers, hierin besteht seine\u00a0\u1f10\u03bd\u03c4\u03b5\u03bb\u03ad\u03c7\u03b5\u03b9\u03b1, seine Bestimmung und Verwirklichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Fallsucht und Weitblick<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_128\" aria-describedby=\"caption-attachment-128\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/aristote_platon_raphael_vatic.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-128\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/aristote_platon_raphael_vatic.jpg\" alt=\"Das Umherwandeln (\u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c0\u03b1\u03c4\u03b5\u1fd6\u03bd) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen - hier auf Raffael da Urbinos &quot;Die Schule von Athen&quot;; Quelle\" width=\"327\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/aristote_platon_raphael_vatic.jpg 306w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/aristote_platon_raphael_vatic-300x230.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 327px) 100vw, 327px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-128\" class=\"wp-caption-text\">Das Umherwandeln (\u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c0\u03b1\u03c4\u03b5\u1fd6\u03bd) stiftet den Namen der Aristotelischen Philosophieschule in Athen &#8211; hier auf Raffael da Urbinos &#8222;Die Schule von Athen&#8220; (1510\/11); <a href=\"\u00a0http:\/\/3.bp.blogspot.com\/_1R2HvS1vEBs\/TUcZFYQ8uYI\/AAAAAAAAAP8\/oCPZe938gDU\/s320\/aristote_platon_raphael_vatic.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Waldgang kennt zwei Jahreszeiten: Fallsucht und Weitblick. Hier m\u00f6gen Unterschiede zwischen der gem\u00e4\u00dfigten Zone und anderen, insbesondere monotoneren Waldklimata wie dem Dschungel oder dem borealen Nadelwald bestehen.\u00a0In diesen F\u00e4llen l\u00e4sst sich unterdessen davon ausgehen, dass auf eine der beiden Jahreszeiten, tendenziell den Weitblick, Verzicht zu leisten ist. Die Herkunft der Jahreszeiten des Waldgangs ist im Erlebnis des Waldes eben nicht als rein passiver Projektionsfl\u00e4che, sondern als zum\u00a0<span style=\"color: #252525;\">\u03c0\u03b5\u03c1\u03b9\u03c0\u03b1\u03c4\u03b5\u1fd6\u03bd, zum Umherwandeln, einladendem Medium zu finden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #252525;\"> Die Anwesenheit der Laubdecke seit sp\u00e4tem Fr\u00fchjahr trennt den Raum des Waldes von seiner Umwelt und birgt in Schatten. Zugleich dr\u00e4ngt das sich im Wind wogende Bl\u00e4ttermeer dazu, sich in ihm zu verlieren. Der Blick des Waldg\u00e4ngers schweift, sobald er in einem kontemplativen Moment verharrt, in die Weite des Panoramas. Fallsucht als antiquierter Begriff f\u00fcr die Epilepsie soll\u00a0diesen Umstand nicht pathologisieren.\u00a0Gewisserma\u00dfen handelt es sich um eine Metapher f\u00fcr die Suggestion der Einf\u00f6rmigkeit einer gleichm\u00e4\u00dfigen Laubkrone. Der Waldg\u00e4nger wird in der Isolation, der Enge unter dem Laubdach, eines der Bl\u00e4tter im Wind &#8211; er l\u00e4sst sich von der Massenseele treiben, die ihn anderntags zu \u00f6ffentlichen Veranstaltungen und in die Herde treibt.\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_129\" aria-describedby=\"caption-attachment-129\" style=\"width: 332px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-129\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes-300x234.jpg\" alt=\"Caspar David Friedrich: Zwei M\u00e4nner in Betrachtung des Mondes; Quelle\" width=\"332\" height=\"259\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes-300x234.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes-1024x801.jpg 1024w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes.jpg 1952w\" sizes=\"auto, (max-width: 332px) 100vw, 332px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-129\" class=\"wp-caption-text\">Caspar David Friedrich: Zwei M\u00e4nner in Betrachtung des Mondes; <a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/ea\/Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_M\u00e4nner_in_Betrachtung_des_Mondes.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst mit der Ende der goldenen Jahreszeit dringen die Lichtatmosph\u00e4ren des Tages in den Wald ein. Die Isolation der Laubdecke ist aufgehoben, sobald ein jeder Baum bar seines Kleids das Skelett, sein Ge\u00e4st, zur Schau stellt. Jede Verkn\u00f6cherung der Rinde l\u00e4dt zu einer detaillierten Inspektion ein, doch erst ein triumphal erhabener Riese verlangt dem Waldg\u00e4nger die Ehrfurcht vor dem primus inter pares, dem Besonderen, ab. Wichtig noch ist jedoch der Blick aus dem Wald hinaus auf den Horizont: Entgegen der vormaligen Weite des Panoramas spitzt sich die Perspektive nun zu und wendet sich gen Himmel. Dieses Angebot des Waldes erst erlaubt es, eine Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber einem wolkenverhangenen, charakterstarken Firmament zu entwickeln &#8211; die Vertiefung in die Konturen des Himmelsgew\u00f6lbes und das Lichtspiel eines Sonnenuntergangs erfahren ihren \u00e4sthetisch-kathartischen Kulminationspunkt im Widerspiel mit der scheinbar morbiden \u00d6dnis eines Winterwaldes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Misanthropie<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einsamkeit ist eine fundamentale Voraussetzung f\u00fcr den Waldgang. Hiermit ist es allerdings nicht grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen, miteinander einsam zu sein &#8211; um die Freiheit vom Symbol zu w\u00fcrdigen, ist im Wald jedoch das Exil zu suchen. W\u00e4hrend der Spaziergang eine Opposition zum t\u00e4tigen Treiben im kapitalistischen Alltag zu sein scheint und die sportliche Ert\u00fcchtigung qua Waldlaufs das Medium Wald einem Zweck unterwirft, ist der Waldgang ungebunden, d. h. er kennt keinen Ehrgeiz. Selbst wenn\u00a0der Waldg\u00e4nger aus seinem Exil zur\u00fcckkehrt, wie er in es gegangen ist, kann an dem Walde keine Schuld zu finden sein. Im Gegenteil mag der Grund f\u00fcr einen Waldgang ohne Begegnung mit dem eigenen Geist darin bestehen, dass dem Waldg\u00e4nger, wofern es ihm nicht nach geistiger Armut verlangte, die Schaffenskraft abhanden gekommen ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_131\" aria-describedby=\"caption-attachment-131\" style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Elias_Canetti_casa_Zurich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-131\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Elias_Canetti_casa_Zurich.jpg\" alt=\"Elias Canetti; Quelle\" width=\"275\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Elias_Canetti_casa_Zurich.jpg 250w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Elias_Canetti_casa_Zurich-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-131\" class=\"wp-caption-text\">Elias Canetti; <a href=\"http:\/\/3.bp.blogspot.com\/_VseO2IX-IUc\/TIv8kcdM8yI\/AAAAAAAADB8\/sFmUWKD7FGA\/s320\/Elias_Canetti_casa_Zurich.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier l\u00e4sst sich nun konstatieren, dass der Wald jenseits seiner R\u00e4nder zum Symbol innerhalb anderer Welten wird. So spricht Elias Canetti in &#8222;Masse und Macht&#8220; (1960) vom Wald als Symbol der Deutschen:<\/p>\n<blockquote><p>In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgef\u00fchl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden B\u00e4ume, ihre Dichte und ihre Zahl erf\u00fcllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und f\u00fchlt sich eins mit den B\u00e4umen. (S. 202)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil\u00a0Canetti nicht den lustwandlerischen Waldgang, von dem hier die Rede ist, vor Augen\u00a0hat, muss hier Acht gegeben werden. Zwar deutet sich zurecht eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Affinit\u00e4t einiger Individuen oder Kollektive zum Wald an, doch hier ist der Wald mehr nicht als der Fingerzeig auf die Landkarte sowie die Vers\u00e4umnis des Waldes vor lauter B\u00e4umen. Um den eigentlichen Wald zu erleben, verlangt es der Misanthropie, der Abkehr vom Menschlichen, d. h. der eigenen Art, nicht der eigenen Menschlichkeit. Es gilt, die Zivilisation aus den Augen zu verlieren, um die Gabe an den Wald ernst zu nehmen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_133\" aria-describedby=\"caption-attachment-133\" style=\"width: 349px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-133\" src=\"http:\/\/www.das-wilde-sein.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin-1024x698.jpg\" alt=\"Jean-Luc Marion; Quelle\" width=\"349\" height=\"238\" srcset=\"https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin-1024x698.jpg 1024w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin-300x204.jpg 300w, https:\/\/vigorous-carson.84-19-186-9.plesk.page\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin.jpg 1027w\" sizes=\"auto, (max-width: 349px) 100vw, 349px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-133\" class=\"wp-caption-text\">Jean-Luc Marion; <a href=\"http:\/\/www.la-croix.com\/var\/bayard\/storage\/images\/lacroix\/semaine-en-images\/le-philosophe-jean-luc-marion-entre-a-l-academie-_ng_-2008-11-06-679962\/21064428-1-fre-FR\/Le-philosophe-Jean-Luc-Marion-entre-a-l-Academie_article_popin.jpg\">Quelle<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Waldg\u00e4nger sieht seine Gabe nicht darin erwidert, dass ihm etwas zur\u00fcckgegeben wird, sondern dass ihm etwas geboten wird &#8211; wom\u00f6glich auch nur etwas, dass er bereits besessen, nicht aber gekannt hat. An\u00a0Jean-Luc Marion anschlie\u00dfend l\u00e4sst sich der Wald als der Ort der Ph\u00e4nomene bezeichnen, die keinen Mangel\u00a0&#8211;\u00a0wie die meisten Kulturlandschaften -, sondern einen \u00dcberschuss an Anschauungsgehalt aufweisen: Den Ort ges\u00e4ttigter Ph\u00e4nomene, die\u00a0Marion als unvorhersehbar, unertr\u00e4glich, unergr\u00fcndlich und unerblickbar charakterisiert;\u00a0oder: Mit dem ersten Schritt des Waldgangs er\u00f6ffnet sich ein Spektrum der Erlebnisvielfalt, das nur denjenigen befriedigen kann und erreicht, der Ungewissheit zu ertragen vermag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wald nimmt Die Beziehung zwischen Waldg\u00e4nger und Wald ist asymmetrisch, der lustwandelnde Geist gibt, der Wald nimmt &#8211; nicht dankbar, doch duldsam. 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